Jesus ein Radikaler und Fundamentalist? – Predigt am 6. Sonntag im Jahreskeis Lesejahr A

Liebe Schwestern und Brüder! 

Harte Kost, was Jesus uns da sagt! Äußerst deutliche Worte gibt er uns da mit. Wenn er heutzutage aufgetreten wäre,
würde ihn die Presse nicht als Radikalen und Fundamentalisten betiteln? 

Radikal ist Jesus mit dem was er sagt, weil er auf die Wurzel – RADIX – zurückgeht. 

Und fundamentalistisch, weil er auf das Fundament zeigt, auf dem die Moral- und Rechtsvorstellung seiner Zeitgenossen und besonders der Schriftgelehrten und Pharisäer basiert. 

Wäre es nicht viel schöner und auch angenehmer, wenn man diese Worte in der Verkündigung weglassen würde und stattdessen das Evangelium von der Liebe verkünden würde? 

Ist es nicht die Liebe,
die viele Sünden zudeckt (vgl. 1 Petr 4,8) und die hilft, dass die Welt besser wird? Stattdessen sieht es so aus, als ob Jesus die Moral- und Rechtsvorstellungen noch enger auslegt, als die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 

Jesus Christus also ein Radikaler und Fundamentalist? 
Mehr als deutlich tritt Jesus allen Versuchen entgegen, seine frohe Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen als eine Aufweichung der Thora, des Gesetzes im Alten Testament, zu verstehen: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen… Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.“ (Mt 5,17f) 

Unternehmen nicht auch wir heute immer wieder Versuche, die Gebote und Gesetze so zu interpretieren, dass es uns und unseren Zeitgenossen in den Kram passt? 

Erst in den vergangenen Tagen und Wochen ist das wieder geschehen, als das Wort der Deutschen Bischöfe zur Deutung von AMORIS LAETITIA herauskam. Was da die Medien alles herausgelesen haben!  Auch Dinge, die so gar nicht dastehen. 

Dass man sich die Dinge so hindeutet, wie es einem angenehm ist, war nicht nur zur Zeit Jesu verbreitet, sondern auch heute handeln wir so. Bis dahin, dass „postfaktisch“ einfach Dinge behauptet und Fakten verdreht und erfunden werden, wie es einem ins Konzept passt. 

Doch schauen wir noch einmal genau hin, auf das, was Jesus uns mit all seinen scheinbar radikalen und fundamentalistischen Worten sagen will: Er will seine Zuhörer und auch uns wieder zur Wurzel, zur Basis des Glaubens zurückführen. 

Die Pharisäer und die Schriftgelehrten hatten immer mehr und ganz genau formulierte Vorschriften und Regelungen entwickelt, so wie auch wir heute in vielen Bereichen immer detailliertere und präzisere Vorgaben, Regelungen und Einschränkungen haben. 

Dabei ist gleichzeitig der Wunsch immer größer, einfache Antworten zu bekommen: Darf ein geschiedener und wieder verheirateter Katholik zur Kommunion gehen? Ja oder Nein? – Ist Empfängnisverhütung erlaubt? Ja oder Nein? – Ist Sterbehilfe erlaubt? Ja oder Nein? – Ist der Islam eine friedliche Religion? Ja oder Nein? 

Vielen solcher Fragen stehen wir heute gegenüber und nicht wenige hätten gerne einfache Antworten. Ja oder Nein. 

Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Und Jesus macht es uns erst recht nicht einfach. Sicher könnte man es auch so machen, wie die Fundamentalisten: Man nimmt einen Satz aus dem Evangelium und setzt den absolut. Diesen Satz könnte man sogar als Gesetz hinstellen und entsprechend über alle anderen Menschen urteilen. Über die, die schlecht mit ihrem Mitmenschen umgehen. Über die, die mit anderen streiten. Über die, deren Beziehung zerbrochen ist. Eben genau über die, die das nicht befolgen, was als Gesetze und Gebote aufgestellt wurde. 

Doch Jesus stellt hier überhaupt keine Gesetze auf! Nein! Er ist ja gekommen, um das von Gott gegebene Gesetz zu erfüllen.  Was Jesus mit seiner Rede hier tut, ist etwas anderes: Er zeigt nicht in ein Gesetzbuch. Vom Buchstaben des Gesetzes lenkt er unseren Blick auf das, worum es eigentlich geht. 

Es geht nicht nur darum, den andern nicht zu töten. Denn das Töten hat seine erste Wurzel in den bösen Gedanken über den andern, wächst dann über die Phase des Lästerns und über den Anderen Herziehens und die Wut auf den Anderen bis hin zu noch schlimmerem. 

Das gleiche gilt für den Ehebruch. Auch der beginnt im Herzen. Und es gilt auch für vieles andere. Was am Ende rechtlich feststellbar, beweisbar und messbar ist im menschlichen Verhalten, das fängt ganz klein an. Und auf diesen Anfang zeigt Jesus. Im Anfang liegt die Wurzel und der Grund. 

Wenn wir also gut handeln wollen und sollen, dann reicht es nicht aus keinen zu ermorden. Um Treu sein zu können genügt es nicht, nicht mit einer andern ins Bett zu steigen. Es beginnt viel, viel früher. 

Und es bedarf der ständigen kritischen aber auch angstfreien Selbstbetrachtung. In der Beziehung mit Gott und auch mit den Menschen geht es nicht um das peinlich genaue Einhalten verschiedenster Vorschriften. Es geht vielmehr um Ehrlichkeit, Klarheit und Verlässlichkeit! 

Dass wir, Sie und ich und alle Menschen dann auch noch schwach und mit Fehlern behaftet sind, damit müssen wir wohl leben. Gott hat damit kein Problem. 

Liebe Schwestern und Brüder! 

Vielleicht wäre es angenehmer, wenn wir die Radikalität des Evangeliums, die in diesem Teil aus der Bergpredigt besonders deutlich wird, auflösen könnten. Aber wir können es nicht. Wir brauchen es auch nicht, weil Jesus selbst sie auch nicht auflöst. 

Vielleicht wäre es schöner, wenn wir auf die Fragen des Lebens einfache Antworten geben könnten. Aber auch das können wir nicht. Und wir brauchen es auch nicht, weil es Jesus auch nicht tut. 

Vielmehr ermutigt er uns, tiefer hinzuschauen, die Wurzel anzuschauen und genau hinzusehen. Es geht ihm um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit uns selber gegenüber. Und um die Verantwortung für unser Tun und Lassen, die wir auf niemanden, nicht auf einen Gesetzgeber und auch nicht auf Gott abwälzen können. 

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