Vergeben: immer und ganz? – Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis

Schon am vergangenen Sonntag ging es im Evangelium (Mt 18,15-20) darum, wie damit umzugehen ist, wenn ein Bruder oder eine Schwester gegen mich sündigt.
Jesus schlug vier Schritte vor: 
1. Eine Zurechtweisung im Vier-Augen-Gespräch.
2. Ein Gespräch unter Zeugen.
3. Die Vorlage in der Gemeinde (ἐκκλησία).
Und 4. – wenn das alles nichts nützt – den anderen wie einen Heiden oder Zöllner ansehen und entsprechend mit ihm umgehen. (Vgl. meine Predigt vom vorigen Sonntag.)

Heute geht es mit dem selben Thema weiter. Petrus fragt Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?“ (Mt 18,21) 

Die Zahl 7 steht „für die Vollkommenheit und Fülle in Gottes Heilsplan“ Sie ist die Summe aus 3 (die steht für Vollständigkeit – „alle guten Dinge sind drei“ sagt man ja auch) und 4 (die 4 weist auf Ordnung hin. Die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente die vier betrifft auch in der Bibel den „ganzen“ Erdkreis (Mt 24,31 und Offb 7,1).)
Es müsste also schon ausreichen, wenn Petrus seinem Bruder siebenmal – voll und ganz – vergibt.

Doch Jesus erwidert ihm „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ (Mt 18,22)
Jesus nennt also das Zehnfache und das Ganze noch siebenmal. 
Auch die Zahl 10 steht wieder für Vollkommenheit und auch für die Verantwortung des Menschen gegenüber Gott. Denken wir an die zehn Gebote.
Siebzigmal siebenmal. Genau gerechnet 490 mal.
Um also die Frage des Petrus „wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“ (Mt 18,21) im Sinne Jesu mit zwei Worten zu beantworten: „immer und ganz!“

Wahrscheinlich kennen wir das alle: Ein anderer hat mich verletzt, schlecht über mich geredet, mich über den Tisch gezogen, ist mir zu nahegetreten. Vielleicht konnte ich sogar nicht einmal was dafür. 
Klar ist: der Andere ist an mir schuldig geworden, ich bin verletzt. 

Manchmal tragen wir schwer an Verletzungen und wir werden sie scheinbar nicht los. 
Und manchmal, bei besonders schweren Verletzungen, gelingt es vielleicht nicht einmal ein einziges Mal zu vergeben.
In einem solch schweren Fall ist es wahrscheinlich eine besondere Herausforderung, zu hören, dass Gott vergibt. Und, so unbegreiflich es besonders dann scheint, Gott tut es, er vergibt.

Ich frage mich: Was hindert mich daran, es auch zu tun? Mein verletzter Stolz, mein hartes Herz, meine fehlende Bereitschaft zu vergeben, vielleicht sogar der Wunsch nach Vergeltung oder Rache?

Wenn die Schuld zu groß ist, dass ich sie vergeben kann, dann brauche Gottes Hilfe.

Wahrscheinlich kennen Sie das auch: Ich trage lange und schwer an der Verletzung, die mir ein Anderer zugefügt hat. Ich fühle mich als Opfer. Die Verletzung raubt mir die Energie und den Schlaf. Ich komme nicht heraus aus der Nummer. Das Vergangene lastet wie ein schwerer Rucksack auf mir und ich habe das Gefühl, ich bringe ihn nicht los. 
„Wer nachträgt, hat schwer zu tragen“ sagt der Volksmund und er hat recht.

Wie kann ich den Rucksack loswerden, ihn ablegen? Egal was drin ist. Die Belastung beiseitelegen, ver-geben?
Es wäre so befreiend.

Das will Gott ja für uns: Dass wir frei sind, dass ich mich frei bewegen und ich aufrecht durchs Leben gehen kann. 
Dabei helfen kann mir, dem Bruder, der Schwester, dem Mitmenschen zu vergeben. „Immer und ganz!“ wie es Jesus rät. Nicht immer einfach, aber sehr befreiend.

Und manchmal, besonders wenn die Wunde zu tief und die Belastung zu groß ist, gelingt es vielleicht auch nicht.

Herr, hilf mir – hilf uns -, aus ganzem Herzen all denen zu vergeben, die an mir – die an uns – schuldig geworden sind!


1 thought on “Vergeben: immer und ganz? – Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis

  1. Jutta högerle

    Deine predigt gefällt mir gut. Sie ist lebensnah , denn jeder erlebt das mal und muß lernen zu vergeben.. das erleichtert das leben.
    Einen schönen sonntag
    Jutta

    Reply

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