Seit 2016 gibt es in unserem gottesdienstlichen Gebrauch die sogenannte „Neue Einheitsübersetzung“.
Eines in dieser Übersetzung regt mich – gefühlt mindestens jedes zweite Mal, wenn daraus vorgelesen wird – auf: es ist das häufige Wort „SIEHE“.
Das kam so häufig in der Alten Einheitsübersetzung nicht vor.
Es regt mich auf, weil kein Mensch das in unserem Sprachgebrauch sagt: „SIEHE“.
Auch am Anfang der Emmausgeschichte, steht im griechischen Original „Καὶ ἰδοὺ“ – „Und siehe“.
Komischerweise wurde es beim Druck der liturgischen Bücher mit der „Neuen Einheitsübersetzung“ weggelassen.
Gerade hier aber finde ich das schade. Denn gerade hier zielt ja die ganze Geschichte auf das Sehen und auf das Schauen
ab.
Die beiden Jünger, für die das, was sie am Karfreitag mit Jesus erleben mussten, zutiefst enttäuschend und geradezu traumatisch gewesen sein muss, diese beiden Jünger, laufen im wahrsten Sinn des Wortes davon.
Sie gehören offensichtlich zum weiteren Jüngerkreis, denn den „Kleopas“ kennen wir nicht aus den Namenslisten der Apostel.
Auf ihrem Weg diskutieren sie das Erlebte.
Jesus, den sie wegen ihrer „gehaltenen“ Augen nicht erkennen, verwendet bei seiner Frage nach dem, worüber sie auf ihrem Weg „reden“ – wieder genau im griechischen Text gelesen – den Ausdruck „hin und her werfen“.
Es scheint also ein beinahe hitziges Gespräch zu sein. Es geht ja auch um einen echten Aufreger.
Und in ihrer Diskussion und all der Aufregung sehen ihre Augen scheinbar nicht.
Sie „waren gehalten, sodass sie IHN (Jesus) nicht erkannten“.
Das bleibt auch so, als sie Jesus in ihr Gespräch einbeziehen.
Selbst als ER ihnen darlegte, was „ausgehend von Mose und allen Propheten, in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ bleibt das so.
Erst als er mit ihnen das Brot brach, „wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn“.
Und dann „entschwand ER ihren Blicken“.
Doch ihre Herzen brannten.
Diese – ihre – Erfahrung setzt sie in eine neue Bewegung.
Die Begegnung mit dem lebendigen und auferstandenen Jesus lässt sie keine Stunde zögern, sich aufzumachen, um zunächst den anderen Jüngern zu erzählen: „was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach“.
Und sie hören, dass das nicht nur ihre Erfahrung war. Sondern dass auch die Apostel sagten: „der Herr ist wirklich auferstanden
und ist dem Simon erschienen.“
Was uns Lukas in der Emmausgeschichte schildert, SIEHE, das ist auch heute in der Kirche im Gange.
Ob wir das wirklich SEHEN? Oder sind unsere Augen auch GEHALTEN, vor lauter kontroverser Diskussion.
Sicher ist Diskussion auch in der Kirche – und auch über kontroverse Themen in der Kirche – wichtig.
Aber sind unsere Augen auch GEHALTEN, von dem Schmerz über den Niedergang einer Gestalt von Kirche, die wir gewohnt waren, die uns vielleicht lieb geworden ist, die wir aber in unseren Tagen verfallen und immer mehr verschwinden sehen?
Dabei hat sich Kirche im Laufe der Geschichte immer verändert.
Sind unsere Augen GEHALTEN, obwohl Jesus auch heute mit durch unser Leben geht, in den Worten der Heiligen Schrift zu uns spricht und uns auch in der Eucharistie begegnet?
Vielleicht spüren wir ja aber auch unser Herz BRENNEN.
Wenn wir Worte aus der Heiligen Schrift auf uns wirken lassen.
Wenn wir uns der lebendigen Gegenwart des Auferstandenen Jesus in unserem Leben bewusst sind.
Vielleicht spüren wir auch unser Herz BRENNEN, wenn wir einen bewegenden Gottesdienst erleben,
wenn wir uns nach dem Empfang der Kommunion bewusst machen, dass der auferstandene und lebendige Jesus in unserm Inneren ist.
Gott möchte uns unsere GEHALTENEN Augen auftun.
Da, wo das geschieht, wo Christen ihre Augen auftun lassen, da wird Glaube lebendig, gerät Kirche in Bewegung, da wird sie dynamisch und missionarisch.
Und das gilt auch hier in unserer Pfarreiengemeinschaft.
Hätten Sie es für möglich gehalten, dass sich hier in unserer Pfarreiengemeinschaft eine kleine Gruppe von jungen Männern – um die 18 Jahre – trifft, um miteinander in der Bibel zu lesen und sich über ihren Glauben auszutauschen?
Ich hätte das – noch vor einem Jahr – nicht für möglich gehalten.
Es begann damit, dass ein junger Mann mit 19 Jahren zu mir kam und darum bat gefirmt zu werden.
Als er zum Firmen dran gewesen wäre – also in der 8. Klasse – sei er „atheistisch“ gewesen.
Jetzt aber – erzählte er – hat er Jesus entdeckt und er merke, wie wichtig Gott für sein Leben ist.
„Brannte uns nicht das Herz in der Brust…“ so beschreiben es die Jünger.
Wie es sich bei dem jungen Mann anfühlte, das habe ich ihn nicht gefragt.
Auf alle Fälle aber hat er sich aufgemacht zunächst um ein Gespräch und schließlich um die Firmung gebeten. Und dann hat er durch sein Ansinnen den Anstoß für unsere erstaunliche Gruppe junger Männer gegeben.
Brannte Ihnen aus schon mal das Herz in der Brust, als Sie bei einem Gedanken, bei einer Begegnung, beim Hören einer Bibelstelle, in einem Gottesdienst oder sonst wo, Jesus begegnet sind?
Wenn die beiden Jünger damals in Emmaus einfach sitzen geblieben wären, sich nicht aufgemacht und ihre Erfahrung erzählt hätten – ich weiß nicht, ob wir heute hier säßen. Auf alle Fälle hätte davon kein Evangelium berichtet.
Wenn wir, die wir ja versuchen in einer Beziehung mit Gott – mit Jesus zu leben, uns nicht aufmachen und von dieser Beziehung mit Jesus erzählen, wenigstens – wie die Jünger im Kreis der Menschen, denen wir vertrauen – dann wird der Glaube nicht weiter gehen. Dann wird die Kirche hier aussterben.
Ich würde so weit gehen und sagen, dass es um eine solche Kirche auch nicht schade ist.
Eine Kirche, in der Menschen den lebendigen Jesus erleben, von IHM erzählen, von IHM Zeugnis geben, eine solche Kirche wird weiterleben.
Also: SIEHE!
Auch hier und heute, auch 2026 und in den Gemeinden unserer Pfarreiengemeinschaft begegnen Menschen dem lebendigen Jesus. Und ER unternimmt einiges, damit die GEHALTENEN Augen aufgetan werden.
Ich freue mich, an diesem Sonntag dem jungen Mann, von dem ich erzählt habe, die Firmung spenden zu dürfen.
