Herr, sprich Dein ewiges Wort in mich und lass es mich hören.
Herr, strahle Dein Licht in mich und lass es mich schauen.
Herr, drücke Dein Bild in mich und lass es mich bewahren.
Herr, wirke Dein Werk in mir und lass es mich stets von Neuem empfangen.
Seit über 40 Jahren begleitet mich dieses Gebet.
Es stammt vermutlich aus dem 14. Jahrhundert, aus dem Kloster Rheinau.
Es kam mir in den Sinn, als ich das heutige Evangelium bedachte.
Jesus erzählt vom Sämann. Der geht hinaus und sät. Großzügig. Fast verschwenderisch.
Er prüft den Boden nicht vorher. Er wirft den Samen überallhin.
Und der Same, sagt Jesus selbst, ist das Wort vom Reich Gottes: die Botschaft, dass Gott schon da ist, in mir, unter uns, in der Welt.
Auffällig ist: Im Gleichnis geht es nicht um den Sämann. Auch nicht um die Qualität des Samens. Der Same ist gut. Der Sämann macht keine Fehler.
Die entscheidende Frage lautet: Wie ist der Boden beschaffen?
Ich stelle mir die Frage: Welcher Boden bin ich?
Bin ich der festgetretene Weg, auf dem Gottes Wort gar nicht erst ankommt?
Bin ich der felsige Boden, schnell begeistert, und auch wieder schnell erschöpft?
Bin ich der Boden voller Dornen, auf dem Sorgen und Termine alles überwuchern?
Oder bin ich fruchtbarer Boden?
Die ehrlichste Antwort ist wohl: von allem ein bisschen.
Es gibt Tage, da bin ich offen für Gott.
Und es gibt Tage, da ist mein Herz so voll, dass kein Wort mehr Platz findet.
Mir fiel das eingangs zitierte Gebet ein – wahrscheinlich auch, weil seine Sätze nicht beginnen mit: „Herr, ich will…“ oder „Herr, ich werde…“. Sie beginnen immer mit: „Herr…“; Herr, sprich…; Herr, strahle…; Herr, drücke…; Herr, wirke…
Gott macht den Anfang. Nicht ich.
Darin liegt eine wichtige Botschaft dieses Evangeliums.
Wir müssen den Samen nicht selbst herstellen. Wir müssen ihn nicht zum Wachsen bringen. Wir müssen auch die Sonne nicht scheinen lassen.
Unsere Aufgabe ist bescheidener und zugleich anspruchsvoll: Gott Raum geben.
Der Bauer kann das Wachstum nicht erzwingen. Er kann den Boden lockern, Steine entfernen, Unkraut jäten.
Aber wachsen lässt Gott.
Das gilt auch für unser geistliches Leben.
Vielleicht kennen Sie das: Man hört einen Bibeltext dutzende Male, und plötzlich trifft einen ein einziger Satz mitten ins Herz.
Man begegnet einem Menschen, der mit einem einfachen Wort Hoffnung schenkt.
Oder mitten in einer schweren Zeit spürt man auf einmal: Gott hat mich die ganze Zeit getragen.
Dann ist etwas aufgegangen, was längst gesät war.
Das Gleichnis macht uns aber auch Mut, geduldig zu sein – mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen.
Kein Boden bleibt, wie er ist.
Ein festgetretener Weg kann aufgebrochen werden.
Ein steiniger Acker kann von Steinen befreit werden.
Dornen können herausgerissen werden.
Kein Mensch ist auf einen bestimmten Boden festgelegt.
Das Evangelium zeigt mir die Hoffnung:
Gott gibt keinen Menschen auf.
Er hört nicht auf zu säen.
Er kommt immer wieder – geduldig, beharrlich, voller Vertrauen.
Und so wird das alte Gebet zu einer wunderbaren Bitte für jeden neuen Tag:
Herr, sprich dein ewiges Wort in mich – damit dein Same mein Herz erreicht.
Herr, strahle dein Licht in mich – damit ich erkenne, was wirklich zählt.
Herr, drücke dein Bild in mich – damit ich immer mehr der Mensch werde, als den du mich gedacht hast.
Herr, wirke dein Werk in mir – denn die Frucht meines Lebens ist letztlich dein Geschenk.
Dann müssen wir nicht ständig fragen: Bin ich gut genug? Glaube ich stark genug? Trage ich genug Frucht?
Dann dürfen wir darauf vertrauen: Der Sämann geht auch heute über die Felder unseres Lebens. Er sät sein Wort.
Und wo wir ihm unser Herz öffnen, – selbst wenn es nur ein kleines Stück fruchtbarer Boden ist -, da wird seine Saat aufgehen.
Vielleicht nicht sofort. Vielleicht unbemerkt. Aber sie wird Frucht bringen. Dreißigfach. Sechzigfach. Hundertfach.
