IHR seid ein priesterliches Volk! – Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis

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Als Jesus die vielen Menschen sah, die „müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ waren, hat er nicht einfach Mitleid. 
Das griechische Wort, das da steht, sagt mehr: Die Not der Menschen erschüttert ihn bis ins Innerste. 
Ihre Orientierungslosigkeit, ihre Müdigkeit und ihre Hoffnungslosigkeit gehen ihm unter die Haut.
Und da sagt er zu seinen Jüngern: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“

Wir kennen diesen Satz. Oft hören wir ihn mit Blick auf den Priestermangel. Wir beten um Priester und Ordensleute und das ist richtig und wichtig. Aber was meint Jesus eigentlich mit den Arbeitern in seiner Ernte?

Die erste Lesung gibt eine überraschende Antwort. Gott sagt zu seinem Volk: „Ihr sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ Nicht: Es soll Priester in diesem Volk geben. Sondern: Das ganze Volk soll priesterlich sein.
Das ist eine gewaltige Aussage. 
Gott beruft nicht nur einige wenige. Er beruft sein ganzes Volk. 
Jeder und jede Getaufte soll Gottes Gegenwart in die Welt tragen. Segen weitergeben und Brücken zwischen Gott und den Menschen bauen.
Genau das hat das Zweite Vatikanische Konzil vor über 60 Jahren neu ins Bewusstsein gerufen: Alle Getauften haben Anteil am Priestertum Christi. Nicht als Ersatz für das Weihepriestertum, sondern kraft ihrer Taufe.
Das besondere Priestertum der Geweihten bleibt unverzichtbar. 
Aber niemand kann sich zurücklehnen und meinen, Glaube sei die Sache der Hauptamtlichen.
Jeder und jede Getaufte ist berufen.
Die Großmutter, die mit ihren Enkeln betet. 
Der Familienvater, der seinen Glauben glaubwürdig lebt. 
Die Jugendliche, die für Menschlichkeit eintritt. 
Der Kranke, der seine Last mit Christus trägt. 
Die Ehrenamtliche, die Kranke besucht. 
Der Christ, der am Arbeitsplatz Hoffnung und Barmherzigkeit ausstrahlt.
All das sind Arbeiter in der Ernte des Herrn.
Und deshalb gilt die Bitte Jesu um Arbeiter nicht nur den künftigen Priestern und Ordensleuten. 
Sie gilt allen Menschen, die ihre Taufe ernst nehmen und Christus durch ihr Leben bezeugen.

Ein Blick auf unser Bistum Augsburg macht das deutlich.
1990 standen 932 Priester im aktiven Dienst. 2025 waren es noch 569. 
Gleichzeitig sank die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher von etwa 375.000 auf rund 100.000.
Rechnerisch kam 1990 ein Priester auf etwa 400 Gottesdienstbesucher. 
Heute kommt ein Priester auf rund 176 Gottesdienstbesucher.
Die Zahl der Priester ist also zurückgegangen. 
Die Zahl der aktiven Gläubigen aber noch viel stärker.

Deshalb ist die eigentliche Krise nicht nur eine Priesterkrise. Sie ist vor allem eine Krise des gelebten Glaubens.

Doch ich möchte das nicht beklagen, sondern als Chance verstehen.
Vielleicht führt Gott seine Kirche gerade durch eine Schule der Erneuerung. 
Vielleicht nimmt ER uns die Selbstverständlichkeit, den Glauben an andere zu delegieren: an den Pfarrer, den Pater oder die Klosterschwester.

Gleichzeitig erinnert ER uns daran, wer wir selbst sind:
„Ihr seid ein Königreich von Priestern.“
Der Nachbar, der einem Sterbenden die Hand hält und mit ihm betet, lebt priesterlich. 
Die Mutter, die ihr Kind in den Glauben einführt, lebt priesterlich. 
Der Unternehmer, der gerecht handelt, lebt priesterlich. 
Die alte Frau, die täglich für ihre Familie und Gemeinde betet, lebt priesterlich.

Das ist keine Notlösung. Das ist Gottes ursprünglicher Plan.

Und ich bin überzeugt: Wo das allgemeine Priestertum aufblüht, wachsen auch Berufungen zum besonderen Priestertum.
Priesterberufungen entstehen nicht zuerst in einer Kirche, die über den Mangel klagt. Sie entstehen in Gemeinden, die beten, glauben und leben. In Gemeinden, in denen junge Menschen spüren: Hier geschieht etwas Heiliges. Hier ruft Gott.

Wenn wir also um Priester beten, dann beginnen wir am besten damit, selbst priesterlich zu leben.

Dazu stärkt uns jede Eucharistiefeier. Das Wort „Messe“ erinnert an die Sendung am Ende: „Geht, ihr seid gesandt.“ heißt es in der Messe auf Latein.
Wir kommen nicht hierher, um etwas zu konsumieren. 
Wir kommen hierher, um uns senden zu lassen.

Jesus schaut auch heute auf die Menschen in unseren Dörfern und Städten, in den Schulen, Krankenhäusern und Altenheimen, auf die Einsamen, Suchenden und Entmutigten. Und noch immer bewegt ihn ihre Not bis ins Innerste.

Darum ruft er uns zu: Seit das priesterliche Volk, das ich mir von Anfang an erträumt habe.