Stellen Sie sich einmal vor, ein angesehener Arzt betritt nicht die Privatklinik im noblen Stadtviertel, sondern geht direkt in die heruntergekommene Wohnunterkunft am Stadtrand. Er setzt sich zu den Menschen, die die Gesellschaft lieber nicht sieht. Er isst mit ihnen, lacht mit ihnen, hört ihnen zu.
Würden wir staunen? Den Kopf schütteln?
Die Pharisäer schütteln den Kopf über Jesus.
Und seine Antwort – der letzte Satz des heutigen Evangeliums – trifft bis heute mitten ins Herz:
„Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Mt 9,12–13)
Dieser Satz ist das Herzstück des Evangeliums. Und er stellt uns gerade heute unbequeme Fragen.
1. Wer ist hier eigentlich krank?
Jesus ruft den Zöllner Matthäus. Einen, der mit den Besatzern kollaboriert und sich auf Kosten seiner eigenen Leute bereichert. Die anständigen Bürger meiden ihn. Und Jesus?
Er sagt nur: Folge mir nach. Kein Vorwurf. Keine Bedingung. Keine Probezeit.
Jesus beginnt die Beziehung genau dort, wo Matthäus steht. Im Zollhaus. Mitten in seiner Schuld.
Die Pharisäer fragen: Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?
Sie halten sich für gesund, gerecht, auf der sicheren Seite.
Und genau das ist ihre eigentliche Krankheit: die Unfähigkeit, die eigene Bedürftigkeit zu sehen.
Ich frage mich und fragen auch Sie sich: Wo stehe ich?
Bin ich eher der Matthäus der weiß, dass er Hilfe braucht?
Oder eher der Pharisäer der meint, er braucht nichts?
2. Was bedeutet Barmherzigkeit – und nicht Opfer?
Jesus zitiert den Propheten Hosea. Wir haben ihn in der Lesung gehört: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ (Mt 9,13)
Hosea spricht zu einem Volk, das alle religiösen Pflichten erfüllt aber kalt im Herzen ist.
Die Armen vergessen, die Witwen übersehen, die Fremden gemieden.
Das hebräische Wort für diese Barmherzigkeit meint mehr als Mitleid: eine treue, zugewandte Liebe, die sich nicht abwendet, auch wenn es unbequem wird.
Jesus tut genau das: Er isst mit Sündern.
Wer damals mit jemandem aß, der sagte: Du gehörst dazu. Du bist willkommen. Ich schäme mich nicht, mit dir gesehen zu werden.
Barmherzigkeit beweist sich am Tisch, den wir bereit sind zu teilen.
3. Christlich – und trotzdem?
Wir erleben heute eine merkwürdige Erscheinung: Menschen und politische Bewegungen, die sich ausdrücklich als christlich bezeichnen, die mit christlicher Symbolik werben und gleichzeitig genau jene Menschen mit Verachtung oder Gleichgültigkeit behandeln, denen Jesu besondere Zuwendung galt.
Man denkt an politische Führer, die Bibeltexte zitieren und gleichzeitig Asylsuchende zurückdrängen lassen, Familien trennen, ganze Bevölkerungsgruppen pauschal verdammen.
Man denkt an Bewegungen, die das Christentum als Schutzwall nutzen und verdrängen, was im Zentrum dieses Glaubens steht.
Das Evangelium ist eindeutig: Der Fremde, der Asylsuchende, der anders Denkende – genau dieser Mensch ist der „Kranke“, dem Jesus – der Arzt – hilft.
Wer den Namen Christi benutzt, um Ausgrenzung zu rechtfertigen, hat dieses Evangelium nicht verstanden.
Aber es wäre zu einfach, nur auf andere zu zeigen.
Wie leicht machen auch wir uns das Christsein?
Der Pharisäer lebt in jedem von uns in dem Moment, in dem wir urteilen, bevor wir zuhören, in dem wir Mitgefühl für das Abstrakte haben, aber nicht für den konkreten Menschen vor uns.
Jesus sagt: „Geht und lernt.“ (Mt 9,13)
4. Was kann das diese Woche bedeuten?
Jesus geht auf Menschen zu. Er setzt sich zu ihnen. Er fragt nicht nach ihrer Vergangenheit. Er beginnt mit der Gegenwart.
Und er lädt uns ein, dasselbe zu tun.
Uns zu fragen: Wen meide ich weil er anders denkt, anders aussieht, anders lebt?
Könnte ich nicht einen Schritt auf diesen Menschen zu machen? Nicht um ihn zu bekehren, sondern um ihn zu sehen.
Wenn ich einen Fremden treffe: Was hindert mich, ihn anzusprechen?
Wenn politische Entscheidungen Menschen in Not erzeugen: Warum sage ich nicht laut, was ich als Christ dabei denke? Schweigen ist keine neutrale Haltung.
Ich könnte mit Hosea beten: Herr, zeig mir, wo ich kalt bin. Wo ich Opfer bringe, aber keine Barmherzigkeit zeige. Und gib mir den Mut, aufzustehen.
Der Ruf geht weiter
Matthäus stand im Zollhaus, verstrickt, kompromittiert, abgeschrieben.
Und Jesus sagte: Folge mir nach. Keine Verhandlungen. Nur eine Einladung.
„Folge mir nach!“ ergeht auch heute. An mich und an Sie. An unsere Gesellschaft. An alle, die den Namen Christi tragen.
Folgt ihr mir wirklich nach? Dorthin, wo es unbequem wird? Zu den Fremden, den Ausgegrenzten, den Kranken?
„Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
Das ist keine Drohung. Das ist die größte Einladung, die wir je gehört haben.
Gehen wir in diese Woche und lernen, was Barmherzigkeit heißt.
Nicht als Gefühl.
Als Haltung
und als Tat.
