Auf Gott vertrauen, auch wenn ich ihn nicht verstehe – Predigt zum 5. Sonntag in der Fastenzeit

Ist es nicht eigenartig, wie Jesus sich zu Beginn der Geschichte verhält?
Da ist sein Freund – Johannes sagt, dass Jesus ihn liebt – schwer krank. Und anstatt zu ihm zu gehen, „blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt“ (Joh 11,6b).

Wir würde vermutlich anders handeln. Vor allem dann, wenn wir wissen, dass wir wirklich helfen können.

Aber Jesus bleibt und wartet zwei Tage.

Ich frage mich: Was für eine Haltung zeigt Jesus?
Jesus lässt sich nicht von der Notsituation treiben. Auch nicht von Angst und nicht von den Erwartungen, die an ihn gestellt werden. ER lebt aus dem Vertrauen auf den Vater.
Die Haltung Jesu ist tiefstes Vertrauen, dass Gottes Zeit größer ist als unsere Zeit, dass Gottes Handeln tiefer reicht als das, was wir im Moment sehen oder tun können.

Die Haltung Jesu ist ruhiges, hörendes Vertrauen auf Gott.
Und aus diesem Vertrauen heraus reicht sein Blick über das Offen-Sichtliche hinaus.

Martas Horizont zeigt sich in ihrem „Wenn du da gewesen wärst, wäre mein Bruder nicht gestorben.“ (Joh 11,21) Sie sieht nur das Hier und Jetzt. Und ihren verständlichen Schmerz über den Verlust des geliebten Bruders.

Der Horizont Jesu geht weiter. Über das irdische Leben und über dessen Ende hinaus. 
ER sagt zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25f)

Jesus öffnet den Blick. Und dennoch weicht ER dem Leid nicht aus. Sein Vertrauen lässt ihn nicht abheben und macht ihn nicht hart. Er kommt zum Grab und er weint (vgl. Joh 11,35). ER hält die Spannung aus.

Das ist die Tiefe seiner Haltung: Vertrauen ohne Härte, Nähe ohne Verzweiflung.
Jesu Haltung ist ruhiges, hörendes Vertrauen auf Gott.

Ich glaube, dass uns dieses Evangelium auch überliefert wurde, um UNS zu ermutigen auf Gott zu vertrauen: „Ihr dürft auf Gott vertrauen, auf IHN eure Hoffnung setzten!“

Die Haltung Jesu und was aus ihr folgt, will unsere Lebenseinstellung verändern. Ganz praktisch. Ganz konkret.

Ein Beispiel:
Da ist ein Mensch, der einen schwer kranken Angehörigen hat. Man betet. Man hofft. Man bittet Gott um Heilung. Und doch wird es nicht besser. Vielleicht sogar noch schlimmer.
Die Versuchung ist groß, unruhig zu werden. Gott Vorwürfe zu machen. Oder innerlich aufzugeben.

Die Haltung Jesu könnte hier heißen: nicht in Aktionismus zu geraten und nicht zu verzweifeln. Gott nicht festlegen zu  wollen auf das, was ich jetzt für richtig halte. Sondern bewusst zu sagen: Herr, ich verstehe es nicht. Aber ich vertraue darauf, dass DU da bist und dass DU wirkst, auch wenn ich es nicht sehe.
Vielleicht zeigt sich dieses Vertrauen dann ganz konkret darin, dass ich den Kranken besuche. Mir Zeit nehme, seine Hand halte, da bin.
Nicht alles lösen. Aber einfühlsam lieben.

Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus will mich ermuntern, das Vertrauen einüben, das Jesus lebt: ein ruhiges, hörendes Vertrauen auf Gott. Auch wenn ich ihn nicht verstehe.

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