WARUM IMMER ICH? – Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit

WARUM IMMER ICH?

Diese Frage, liebe Schwestern und Brüder stellen sich manche immer wieder:
Die Mutter, die das Gefühl hat, dass sie immer hinter allen herräumen muss.
Der Mitarbeiter, der immer gefragt wird, ob ER die unangenehmen Arbeiten übernehmen würde.

WARUM IMMER ICH?

Vielleicht haben Sie sich auch schon diese Frage gestellt.
Ich habe mir die Frage WARUM IMMER ICH? schon öfter gestellt.
Sie ist nicht selten das Resultat davon, dass ich mich eingesetzt habe, dass ich vielleicht sogar bewusst versucht habe, etwas Gutes zu tun und Nächstenliebe zu üben.
Das hat man uns ja so beigebracht. Gutes tun. Und auch Jesus verlangt es von uns doch:
„Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35)

Aber nicht nur Fremden gegenüber sollen wir so handeln, sondern auch den eigenen Angehörigen, der Familie und den Freunden gegenüber und da stellt sich eben immer wieder die Frage:
WARUM IMMER NUR ICH?
Habe ich nicht auch das Recht, einmal etwas zurück zu bekommen?
Darf ich nicht verlangen auch geliebt zu werden?
Soll ich mich etwa ausnützen lassen?
Und noch dazu von der eigenen Familie, von den Leuten um mich herum, von den im wahrsten Sinn des Wortes NÄCHSTEN? NEIN.

Im Evangelium dieses Sonntags gibt uns Jesus SEIN Gebot:
„Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,12)
Zwei Kapitel vorher hat es Jesus sogar als NEUES GEBOT bezeichnet:
„Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34)

Deutlich steht das kleine Wörtchen EINANDER da.

Liebe wie sie Jesus predigt ist keine Einbahnstraße.
Liebe wie sie Jesus von mir möchte, beschränkt sich nicht darauf, dass ich NUR gebe.
Das NEUE, DAS Gebot Jesu ist das Gebot der GEGENSEITIGEN Liebe.
Jesus predigt keine einseitige Liebe!

Was uns Christen ausmachen soll ist die GEGENSEITIGE Liebe. 
Das war DAS Erkennungszeichen, an dem sogar die Nichtchristen die Christen erkannten und dann sagten: 
„Seht, wie sie einander lieben und bereit sind, füreinander das Leben zu geben.“ (Tertullian: Apologetikum, 39)

Jesus selbst hatte das angekündigt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.” (Joh13,35)

Die gegenseitige Liebe. Darum geht es.
Die gegenseitige Liebe ist DIE CHRISTLICHE Liebe.
Die gegenseitige Liebe ist DAS Erkennungszeichen der Christen.

Christliche Liebe ist keine Einseitige Sache, keine Einbahnstraße sondern eine Sache der Gegenseitigkeit.
Ein Geben und Nehmen. Besser noch ein Schenken und Empfangen.

Sollen wir es also so machen wie das Ehepaar, das einer dem Anderen jeweils 50 Euro in einem Umschlag zu Weihnachten schenkte, damit keiner dem Anderen etwas schuldig blieb?
Oder soll ich nachdem ich jemandem etwas Gutes getan habe erst noch warten, bis der auch mir etwas Vergleichbares tut?
Ganz sicher nicht.
Ich darf aber wissen, dass die Liebe unter Christen eine Sache in Gegenseitigkeit, dass christliche Liebe eine Frage der Beziehung ist.

Wie kann ich also die christliche, die gegenseitige Liebe leben?
Wenn ich die Erfahrung mache, dass ich etwas zurückbekomme.
Wenn nichts materielles, so doch wohl die Freude, von der Jesus im Evangelium auch spricht:
„Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.“ (Joh 15,11)

Ich kann die christliche, die gegenseitige Liebe leben.
Sie hat als Maß das Maß Jesus.
Nämlich das Leben für den Bruder und die Schwester zu geben.
Ich kann diese Liebe leben, wenn das in einer Beziehung der Gegenseitigkeit geschieht und wenn ich die Gegenseitigkeit erfahre.

Das WARUM IMMER ICH? kommt doch daher weil ich meine, dass nichts zurückkommt.
WARUM IMMER ICH? Fragt doch der, der das Gefühl hat, ausgenutzt zu werden.
WARUM IMMER ICH? Wird einer Fragen, der den Blick auf das was zurückkommt verloren hat.
WARUM IMMER ICH? Wird einer fragen, der ganz bestimmte Dinge als Reaktion auf seine guten Taten erwartet und dessen Erwartung enttäuscht wird.
WARUM IMMER ICH? Fragt der, der eigentlich den Anderen aus seinem Blick verloren hat.

Christliche Liebe aber nimmt den Anderen GANZ in den Blick.
Sie fragt nicht zuerst: Was kann ich für den Anderen tun.
Sondern sie fragt zuerst: Was braucht der Andere, was ist gut für den Anderen.
In der gegenseitigen Liebe ist der Andere nicht das Objekt.
In der gegenseitigen Liebe ist der Andere das Gegenüber, dem ich in Augenhöhe begegne.
In der gegenseitigen Liebe ist der Andere Partner.
In der gegenseitigen Liebe ist der Andere auch von mir herausgefordert auf meine Liebe zu antworten.

Jesus selbst lebt uns das vor, wie die gegenseitige Liebe geht:
Er begegnet uns auf Augenhöhe.
Er setzt sich ganz für uns ein, will aber auch unsere Antwort.
Er drängt sich uns nicht auf und erschlägt uns auch nicht mit seiner Liebe.

Er gibt uns sein neues Gebot: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,12)

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