Der reiche Prasser und der arme Lazarus, beide leben heute, aber wie lange noch? (Lk 16,19-31) – Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis-Lesejahr C

„Es war einmal ein reicher Mann …“ (Lk 16,19)
Wie ein Märchen beginnt die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus. Ein Märchen, das wir alle kennen. Ich meine mit Kennen nicht nur den biblischen Text dieses Gleichnisses. Wir alle kennen auch die unausweichliche Aktualisierung des ersten Teils dieser Geschichte. Denn sie ist kein Märchen aus tausend und einer Nacht. Sie ist vielmehr eine Beschreibung dieser Welt!

Da lebt jemand im Überfluss und ein anderer hat nicht einmal das Nötigste. Da sind Leute, die können sich zu jeder Saison eine neue Garderobe leisten und andere, die haben nur das, was sie am Leib tragen. Da gibt es die, die Tag und Nacht auf ärztliche Hilfe zurückgreifen können und Menschen, die in ihrem Leben noch keinen Arzt gesehen haben. Da sind Kinder, die – ohne Schulgeld bezahlen zu müssen – ein Abitur machen können und studieren können und andere, die, nur weil sie im falschen Land geboren sind, oder nicht zur reichen Oberschicht gehören, niemals eine ordentliche Schulbildung erhalten werden.

Ich spreche nicht so sehr von den sozialen Unterschieden in unserem Land, sondern von der ungerechten Verteilung in der ganzen Welt. Und wer – global gesehen – der reiche Prasser und wer der arme Lazarus ist, ist das nicht offensichtlich?

Ich habe schon einige ärmere Länder und Regionen besucht:
In Südamerika habe ich Menschen gesehen, die außer ihrer Kleidung am Leib:   einem zerrissenen T-Shirt, einer Turnhose und Flipflops keine weitere Kleidung besitzen. Ich habe dort Kinder getroffen, die Tränen in die Augen bekamen, als wir ihnen sagten: Wir bringen euch nachher ein Brot vorbei!
In Kenia habe ich Schulen besucht, die man eher für einen Schweinstall hätte halten können. Ich habe dort Krankenstationen angeschaut, in die würden Sie und ich uns nicht freiwillig zu einer Behandlung begeben.
In Indien habe ich Menschen gesehen, die im Rinnstein ihre Zähne geputzt und am Bahngleis ihre Notdurft verrichteten, weil sie keine anderen sanitären Einrichtungen haben.
Und ich werde den 13 jährigen Jungen in Brasilien nie vergessen, der uns in einem Straßenrestaurant gefragt hat, ob er unsere Reste essen darf. Mein Leben lang werde ich nicht vergessen, wie er unsere Reste an Fleisch und Beilagen gierig und mit großem Genuss in sich hineinstopfte, bevor er mit seiner Schuhputzerkiste wieder auf die Straße zog.
Und ich werde Angst in den Augen der Männer nicht vergessen, mit denen zusammen ich im September 2015 am Münchner Hauptbahnhof auf die Absperrung mit bewaffneten Polizisten zugegangen bin. „Was werden die jetzt mit uns machen?“ fragte ihr Blick. „Keine Angst!“ konnte ich ihnen sagen. „Hier ist ein Land, in dem sie keine Angst vor Übergriffen durch Polizei und Militär haben müssen!“

Ich schäme mich, wie man hier – in unserem Land – inzwischen mit Menschen umgeht, Menschen behandelt, die nichts weiter wollen, als teilzuhaben an den Gütern der Erde, die Gott allen seinen Geschöpfen geschenkt hat.
Und gleichzeitig sage ich aus tiefsten Herzen: Gott sei Dank dürfen wir hier leben!

Liebe Schwestern und Brüder, Sie merken, dass uns das Nachdenken über das Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus mitten in die Welt von heute und auch mitten in die brisanten und aktuellen Themen unserer Gesellschaft und unseres Landes führt. Wenn wir es ehrlich lesen und mit offenen Augen in die Welt um uns herum schauen, können wir dann noch so tun, als ob es uns nichts anginge? Als ob wir nicht verstünden, was uns Jesus sagen will?
Wir brauchen kein schlechtes Gewissen haben, weil wir in einem der wohlhabendsten Länder dieser Welt geboren sind und leben können. Das haben wir uns ja nicht ausgesucht. Aber die Anderen haben sich ihre Situation auch nicht ausgesucht. Und genau deshalb haben wir Europäer ja eine besondere Verantwortung für die Menschen in den ärmeren Regionen unserer Welt.

Bereits im Jahr 2004 sagte Andrea Riccardi, der Gründer der christlichen Bewegung Sant Egidio, die sich sehr in Ländern der Dritten Welt und vor allem in Afrika engagiert folgendes:
„Zuerst meine ich, dass Europa nicht für sich selbst leben kann. Es ist keine große bequeme Insel. Das sagen uns die Einwanderer, die nach langen Reisen der Hoffnung an den südlichen Küsten unseres Kontinents landen – zumindest sagen uns das die, die ankommen sind und nicht im Meer ihr Grab gefunden haben oder ihr Leben in der afrikanischen Wüste lassen mussten. 
Der große Süden der Welt, Afrika, sitzt wie der arme Lazarus vor der Tür des reichen Europäers, der herrlich und in Freuden lebt. Europa muss von seinem Tisch aufstehen und Lazarus, seinen Bruder, umarmen, damit er nicht mehr voller Wunden und unter den Hunden bleiben muss. 
Europa muss die Schwelle seines Hauses überschreiten, seine südlichen Grenzen, mit Liebe und mit Verantwortungsgefühl. Für uns Christen kann Europa nicht für sich selbst leben. Und Afrika, ist der erste Kontinent, dem es auf seinem Weg durch die Welt begegnet – dem Weg zu den zwei Dritteln der Menschheit, die von jedem Wohlstand ausgeschlossen sind. Dieses Afrika hat ein gemeinsames Schicksal mit uns – wir werden miteinander leben oder miteinander untergehen.“ so Andrea Riccardi vor 15 Jahren.

Dass er Recht hatte, das erleben wir seit dem. Und wie viele sind seit dem gestorben, weil sie ihrer Situation entfliehen wollten?
Es wird sich nicht ändern, wenn wir uns nicht ändern. Und da meine ich nicht die Politiker, sondern, liebe Schwestern und Brüder, jeden und jede von uns.

Es gibt den armen Lazarus nicht nur in der Bibel, sondern auch heute.
Und es gibt den reichen Prasser, nicht nur im Gleichnis, sondern auch in unserer Wirklichkeit. HIER  –  WIR  – in Europa, in Deutschland.

Der zweite Teil des Gleichnisses, die Schilderung der Szene zwischen der Unterwelt und dem Himmel, zwischen dem quälend schmerzvollen Feuer und dem Schoß Abrahams, wirkt wie eine Drohung mit der Hölle.
Ich mag es nicht, mit der Hölle zu drohen. Denn ich glaube, dass die Angst vor der Strafe einen Menschen nicht wirklich dazu bringt, sich von innen heraus zu ändern. Und darum geht es vor allem.

Ich glaube immer noch daran, dass ein intelligenter Mensch seine Taten aus Einsicht bessern müsste.

Und ich fasse es auch nicht als eine Drohung auf, was Jesus da schildert. Es ist vielmehr die logische Folge des Vorangegangenen:
„Mein Kind!“ so spricht Abraham den Reichen, der Qualen erleidet, an.
Und in aller Ruhe schildert er, wie die Situation aussieht:  die große Kluft 
zwischen dem Reichen und dem Armen, die im Hier überwindbar gewesen wäre. Mose und die Propheten, das, was wir aus der Heiligen Schrift wissen, müsste doch ausreichen, um die Wahrheit zu erkennen und die Reichen zur Umkehr zu bewegen. Wenn das nicht reicht, dann wird auch die Botschaft von der Auferstehung nicht zur Umkehr führen.
Letztlich mahnt der Schluss des Gleichnisses dazu, das, was wir im Wort Gottes hören – was wir in der Bibel lesen – endlich ernst zu nehmen und uns nicht nur das herauspicken, was uns angenehm erscheint.

Das Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus sagt uns: „es geht nicht um die Verdammung des reichen Mannes … sondern um ein Leben, das reich ist für Gott und die Menschen. Es geht auch nicht darum, Armut zu veredeln, sondern Türen zu öffnen. Schon gar nicht geht es darum, den großen Ausgleich im Jenseits zu erwarten, sondern jetzt und hier verantwortet zu leben.“ Denn so wie es bisher gegangen ist, geht es nicht mehr lange weiter. Und wenn wir dennoch so weiter machen, dann brauchen wir uns am Ende nicht beklagen, wenn das eintrifft, was mit einem realistischen und intelligenten Blick heute schon voraus zu sehen ist.

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