Manchmal ertappe ich mich bei einem Gedanken, den ich früher nie gehabt hätte:
„Gott sei Dank, dass ich schon so alt bin!“
Wenn ich sehe, was in der Welt geschieht – Kriege, Spannungen, Unsicherheiten; und wenn ich wahrnehme, wie sich unsere Gesellschaft verändert, und auch unsere Kirche, dann kommt manchmal dieser Gedanke: „Gut, dass ich nicht mehr alles vor mir habe. Gut, dass ich nicht mehr durch all das hindurchmuss.“
Und genau in diese Stimmung hinein dürfen wir heute Ostern feiern.
Nicht als eine Gegenwelt. Nicht als Vertröstung.
Sondern als ein anderes Sehen.
Die Osternacht beginnt im Dunkel. Mit einem kleinen Licht.
Und dieses Licht wird weitergegeben. Von Mensch zu Mensch.
So ist Auferstehung: leise, unscheinbar aber wirk-lich.
Der Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat einmal von den „Osteraugen“ gesprochen:
Ich wünsche uns Osteraugen,
die im Tod bis zum Leben,
in der Schuld bis zur Vergebung,
in der Trennung bis zur Einheit,
in den Wunden bis zur Herrlichkeit,
im Menschen bis zu Gott,
in Gott bis zum Menschen,
und im Ich bis zum Du
zu sehen vermögen.
Es fehlt uns heute nicht an Informationen, auch nicht an Analysen sondern an Osteraugen.
Mit normalen und gewohnten Augen sehen wir schnell: was weniger wird, was schwieriger wird, was uns Angst macht.
Mit Osteraugen aber sehen wir tiefer. Und entdecken: Gott ist doch da. ER wirkt.
Vor einiger Zeit kam eine Frau zu mir, mit dem Ansinnen Katholisch zu werden. Sie erzählte, dass sie sich gefragt hatte „Wo ist mein Platz im Glauben?“ Sie hat gesucht und gerungen: „Wo finde ich Gott? Und diese Suche ist nicht oberflächlich geblieben. Sie hat sie ernst genommen und schließlich eine Entscheidung getroffen: Sie möchte katholisch werden.
Mich hat das beeindruckt. Nicht, weil das etwas Spektakuläres wäre. Sondern, weil darin sichtbar wird: Glaube lebt. Nicht nur als Gewohnheit. Nicht nur als Tradition. Sondern als lebendige Beziehung zu Gott, der gesucht und gefunden werden will.
Und ich erlebe: Das ist kein Einzelfall.
Da sind Menschen, die neu fragen nach Gott.
Die sich nicht zufriedengeben mit dem, was oberflächlich ist.
Die tiefer gehen wollen.
Vielleicht leise. Vielleicht unscheinbar. Aber es geschieht.
Und da merke ich für mich: Dieser Satz „Gott sei Dank, dass ich schon so alt bin“ der stimmt so nicht ganz.
Denn er sieht nur die eine Seite. Er sieht die Unsicherheit. Die Veränderungen. Die Sorgen.
Aber er übersieht vielleicht, dass Gott längst dabei ist, Neues zu tun.
Ostern heißt nicht: Alles bleibt, wie es war.
Ostern heißt: Gott – schafft – Zukunft.
Und oft beginnt diese Zukunft ganz klein: in einem Menschen, der sucht. in einer Entscheidung für den Glauben. in einem neuen Anfang.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht dürfen wir den Satz heute anders zu Ende denken.
Ja ich freue mich, dass ich schon so alt bin. Weil ich schon so oft erleben durfte, dass Ostern wahr ist. Dass nach Dunkelheit Licht kommt. Dass nach Karfreitag neues Leben wächst.
Dass Gott trägt, auch durch schwere Zeiten.
Ich habe es gesehen. Ich habe es erfahren. Nicht nur einmal.
Und zugleich ist da noch ein anderer Gedanke:
Es ist auch ein bisschen schade, dass ich schon so alt bin. Weil ich ahne: Da kommt noch so viel.
So viele neue Wege Gottes.
So viele überraschende Aufbrüche.
So viele kleine und große Osterereignisse, die uns noch bevorstehen.
Und ich werde hier nicht mehr alle miterleben.
Aber genau das ist der Glaube von Ostern: Dass ich vertrauen kann, auch auf das, was ich nicht mehr sehe.
Dass Gott weitergeht mit seiner Welt. Mit seiner Kirche. Mit uns Menschen.
„Gott sei Dank, dass ich schon so alt bin“ – ja, vielleicht.
Aber noch mehr: Gott sei Dank, dass Ostern ist. Dass Auferstehung wa(h)r und ist und sein wird.
