Wollt nicht auch ihr weggehen? – Predigt zum 21. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder!

Sie und ich sind heute, am Sonntag, und noch dazu frühmorgens hier her zum Gottesdienst gekommen. Vielleicht sind Sie sogar im Urlaub. Auf alle Fälle ist es der für die meisten freie Tag der Woche. Und dennoch sind sie heute hier. Ihnen wie mir, stellt Jesus heute mitten im Evangelium die Frage: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67)

Damals war die Jesusbewegung in eine Krise geraten. Manche Theologen nennen es die „galiläische Krise“. „Krise“ das griechische Wort bedeutet „Entscheidung“. Nach der großen Rede, die Jesus in der Synagoge von Kapharnaum gehalten hat und die uns das Johannesevangelium überliefert, reagiert ein vermutlich nicht geringer Teil seiner eigenen Anhänger mit den Worten: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“ (Joh 6,60) Und sie entscheiden sich dafür, sich von Jesus abzuwenden. Wollen und werden nicht mehr mit Jesus umherzuziehen.

Was hatte Jesus gesagt?
ER hatte davon gesprochen, dass ER das lebendige Brot ist, das vom Himmel kommt. 
Dass man nicht zum wahren Leben kommen kann, wenn man dieses Brot nicht isst, wenn man nicht innige Gemeinschaft mit Ihm hat.
Jesus hatte den gesetzestreuen Juden, die seine Anhänger wohl waren, sehr entschieden gesagt, dass ER der Sohn Gottes ist. 
ER hatte denen, die darauf vertraut haben, dass das Heil und das Leben im Befolgen der Vorschriften des Gesetzes zu finden ist, SICH SELBST als DER angeboten, der DAS HEIL und DAS LEBEN bringt.

Unerträglich fanden es die, die bis dahin seine Anhänger waren und konsequenterweise nun entschieden, ihm den Rücken zu kehren. Beliebt gemacht hatte sich Jesus mit seiner Rede bei ihnen ganz sicher nicht.

Die galiläische Krise führt dazu, dass sich eine nicht geringe Zahl von Menschen von Jesus verabschiedet. Offensichtlich blieben nur die Zwölf. Der harte Kern. Und die fragt Jesus dann auch noch: (genau übersetzt) „Wollt nicht auch ihr weggehen?“

Liebe Schwestern und Brüder: „Wollt nicht auch Ihr weggehen?“
Was hält Sie?
Was hat Sie heute hierhergebracht und lässt Sie teilnehmen an diesem Gottesdienst?
Was hält Sie davon ab, der Gemeinschaft der Christen, dem Glauben, der Botschaft Jesu den Rücken zu kehren?

Petrus hatte Jesus geantwortet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes!“ (Joh 6,68f)

Was ist unsere Antwort auf die Frage Jesu „Wollt nicht auch Ihr weggehen?“
Was hält Sie im Glauben, bei Jesus, in der Kirche?

Mir geht es wie dem Petrus. Dessen Antwort bringt seine persönliche Beziehung mit Jesus und die persönliche Beziehung der anderen Apostel mit ins Spiel. Was mich hält ist meine persönliche Beziehung zu Jesus?

Was hält Sie im Glauben, bei Jesus, in der Kirche?

Vielleicht sagen Sie jetzt, ja der Pfarrer, der hat ja schon von Berufs wegen eine Beziehung mit Jesus. Aber ich, als „normaler“ Katholik? In der Tat, für uns Katholiken ist es ungewöhnlich, einfach so von Jesus und von unserer Beziehung mit IHM zu sprechen.

Mir ist eine Begegnung unvergesslich, die ich vor vielleicht zehn Jahren mit einem Mann hatte. Ich war damals Leiter eines Spätberufenenseminars. Einer Einrichtung, die dafür gemacht ist, jungen Männern, die Priester werden möchten, das Abitur zu ermöglichen. Da waren einige Jungs, die das wirklich ernsthaft vorhatten und etliche, die dann auch Priester geworden sind.
Mir war nur aufgefallen, dass für nicht wenige die Rituale, die Traditionen, der Eindruck mit dem Priesteramt etwas für sich zu bekommen, zu sehr im Vordergrund standen.

Ich hatte eine Gruppe ehemaliger Drogenabhängiger eingeladen, von ihren Erfahrungen zu erzählen.
Mit Hilfe des gelebten Evangeliums – ich denke mit der Hilfe Jesu – waren sie von den Drogen frei gekommen. Diese Ex-Junkies erzählten von ihren Erfahrungen mit dem lebendigen Wort Gottes – mit Jesus. Dabei war auch ein Mann, der erzählte, dass er schon einen Menschen umgebracht hat und dafür im Gefängnis eingesessen hat. Mit seinem Berliner Akzent sagte er zu den erstaunten Zuhörern: „Ich hab‘ schon alles an Drogen ausprobiert, was ihr euch vorstellen könnt. Ich hab‘ auch schon jemand umgebracht, um an Geld für Drogen zu kommen und bin dafür im Knast gewesen. Aber eines muss ich Euch sagen: Ohne Jesus kann ich nicht mehr leben.“

„Ohne Jesus kann ich nicht mehr leben.“ Diese Worte sind mir nicht mehr aus dem Sinn gekommen.

Liebe Schwestern und Brüder!
In der galiläischen Krise stellt Jesus seinen Jüngern die Frage: „Wollt nicht auch ihr gehen?“
Heute stellt Jesus Ihnen und mir die gleiche Frage: „Wollt nicht auch ihr gehen?“

Welche Antwort bekommt er?

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