Primizpredigt bei Manuel Beege – Gerlenhofen 3. Juli 2015

Erste Lesung: 1 Kön 19,9a.11-13a (19. Sonntag Lesejahr A)
Zweite Lesung: Röm 10, 8-13 (1. Fastensonntag Lesejahr C)
Evangelium: Mt 14,22-33 (19. Sonntag Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder!
Lieber Manuel!

„Wahrhaftig, Du bist Gottes Sohn!“ (Mt 14,33b)
– nein – Manuel nicht Du, sondern ER – Jesus Christus –

ER IST GOTTES SOHN.

Du bist nur sein Werkzeug, sein Zeuge, sein Verkünder.
So wie es die Jünger damals waren.

Das bist Du übrigens nicht erst seit der Priesterweihe am vergangenen Sonntag.
Du bist es seit dem Tag Deiner Taufe.
Und Du bist es nicht allein.
Auch nicht nur wir Priester sind Werkzeuge Gottes,
Zeugen Jesu, Verkünder des Glaubens.

Alle Getauften und gefirmten Christen sind dazu berufen
Zeugen des Glaubens und Verkünder des Evangeliums zu sein.

Diese Zeugen zu stärken,
ihnen die Gegenwart Gottes vor allem in den Sakramenten zu spenden,
dazu sind wir, dazu bist Du Priester.

Liebe Schwestern und Brüder!

Von Anfang an brauchte unser Glaube, brauchten auch wir Menschen,
die mit ihrem Mund bekennen „Jesus Christus ist der Herr“
und die in ihrem Herzen glauben: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“. (vgl. Röm 10,9)

Du, Manuel und wir Priester,
aber auch Sie, liebe Schwestern und Brüder, liebe Christinen und Christen
brauchen diese Zeugen und wir sind diese Zeugen füreinander und für die Menschen heute.

Nur durch Zeugen breitet sich der Glaube aus.
Aber – was ist ein Zeuge?
Ein Zeuge ist einer, der etwas gesehen und erlebt hat und der davon spricht.

Die Apostel haben Jesus erlebt.
Sie haben ihn gehört.
Sie waren ihm gefolgt,
waren mit ihm im gleichen Boot gesessen
und haben sein Wirken am eigenen Leib erfahren.

Das Evangelium erzählt,
wie die Jünger am Abend ins Boot gestiegen und ans andere Ufer hin aufgebrochen waren.

Eigentlich ist es gar nicht weit.
Für erfahrene Fischer eine Kleinigkeit.
Und dennoch waren sie lange unterwegs.
Offenbar kamen sie nicht voran.
Ihr Boot wurde von den Wellen hin und her geworfen, denn sie hatten Gegenwind. (vgl. Mt 14,24)

Und dann,
in der vierten Nachtwache, – also zwischen drei und sechs Uhr Morgens – kam Jesus zu ihnen.Auf dem Wasser gehend. (vgl. Mt 14,25)

Die Jünger schrien vor Angst, denn sie meinten, ein Gespenst zu sehen.

Ein wunderbares Bild für die Kirche heute!
Schon vor langem haben wir uns aufgemacht.
Ein großartiger Aufbruch.
Viel Enthusiasmus.
Begeisterung und der Mut, den Weg in die Zukunft zu gehen.

Das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren – war das nicht ein Aufbruch?

Im eigenen Glaubensleben – gab es nicht irgendwann einen Ruck,
– oder wenigstens einen Entschluss –
bei der Firmung oder einem anderen Ereignis,
der uns dazu gebracht hat, uns auf den Glauben einzulassen?
Ins Boot zu steigen?

Und wenn wir heute die Wirklichkeit anschauen!
Wie haut’s uns nicht hin und her!
Wie stark ist der Gegenwind, der uns heute ins Gesicht bläst!
Von außen aber auch aus den eigenen Reihen!
Nicht wenige sind über Bord gegangen,
haben das vermeidlich sinkende Schiff verlassen.
Und unter denen, die noch geblieben sind, scheinen die Angsthasen und Jammerlappen
immer mehr und immer lauter zu werden.

Dabei kommt Jesus auch heute!
Und nicht selten ist ER zu sehen.
Doch nicht für die, die ihn für ein Gespenst halten.
Nicht für die, die schon genau wissen, wie er sich zu zeigen hat.
Nicht für die, die von IHM nur ihr Welt- und Glaubensbild bestätigt haben möchten.

ER ist nicht so zu sehen, wie wir oft meinen.
Nicht im Großartigen, nicht im Spektakulären, nicht im Prunkvollen ist ER.

Schon Elija – Wir haben es in der Lesung gehört – hat diese Erfahrung gemacht:
Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer ist der Herr. (vgl. 1 Kön 19,11ff)
Elija begegnet Gott in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“, wie Martin Buber es ausdrückt.

Wir begegnen Jesus in der Stille.
Setzen wir uns der Stille aus?

Und wir begegnen Jesus noch in einer anderen nicht minder wichtigen Form:

Im Hungrigen, im Durstigen, im Nackten, im Obdachlosen, im Fremden, im Kranken, im Gefangenen. (vgl. Mt 25,35ff)
Setzen wir uns diesem Jesus aus?

Wir begegnen Jesus im Alten, im Flüchtling, im Gescheiterten, im Rechtlosen, im schreienden Kind, im fragenden Nächsten, in dem Idioten, der blöd auf der Straße vor mir herfährt.
Setzt Du Dich diesem Jesus aus?

ER begegnet Dir.
Aber nimmst Du ihn wahr?

Und mit leiser Stimme sagt er Dir und mir immer wieder:
„Habt Vertrauen (habt Mut), ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Mt 14,27b)

Und dann lieber Manuel, liebe Schwestern und Brüder,
braucht es Menschen wie den Petrus.
Der das Wort Jesu nicht nur zur Kenntnis nimmt und darüber meditiert,
sondern der sich mit Haut und Haaren auf Jesus einlässt und der alles Riskiert:

„Herr, wenn du es bist, befiehl mir, über die Wasserfluten zu dir zu kommen.“ (Mt 14,28)

„Komm!“, sagt Jesus und Petrus tut’s.
Er wagt das, was unmöglich erscheint.
Das, wovor jeder vernünftige Mensch nur den Kopf schütteln kann.

„Komm!“, sagt Jesus.
Und Petrus geht auf einen Weg, der nach menschlichen Maßstäben nicht begehbar ist.

Wieder ein Bild für heute:
Wenn ein sympathischer, intelligenter, fescher junger Mann, der das Leben noch vor sich hat, der alle Möglichkeiten hätte, der Karriere in verschiedensten Bereichen machen könnte, Ja zu dem Ruf Jesu sagt und Priester wird, – ist das nicht verrückt?

Ist der Weg auf den er sich einlässt, wenn er Priester wird, angesichts der Stürme und unabsehbaren Veränderungen in denen die Kirche heute steckt nicht wie der Gang des Petrus auf dem Wasser?
Ist es nicht irre, zu meinen, dass ein solcher Lebensentwurf gelingen könnte?

Mit all dem, was Kirche und Gesellschaft ihm auch noch dazu abverlangen:
Zölibat, Gehorsam, leben als mehr oder weniger öffentliche Person mit all den beruflichen Anforderungen.
Muss so einer nicht völlig verrückt sein?

Zurück zu Petrus: dem bekanntem Großmaul, dem Macher, dem mittelständischen Unternehmer.
Er ist einer, der gewohnt ist zu handeln.
Er nimmt die Dinge in die Hand.
Er trifft mutige Entscheidungen.

Ja es braucht Mut und auch einen gehörigen Anteil Naivität und Unbedarftheit für das was Petrus tut.

– Im ersten Moment wenigstens – geht es gut.
Petrus geht auf dem Wasser.
Doch dann beginnt er zu sinken.

Er bekommt Angst vor der eigenen Courage und vor dem Wind, der nach wie vor mit voller Stärke weht. Und er beginnt zu versinken.

Lieber Manuel,
ich bin kein Prophet, aber nach 25 Jahren Priestertum kann ich Dir sagen:
Auch Dir, wird das passieren.

So wie es auch mir schon passiert ist:
Schon oft hatte ich den Eindruck, dass ich im Boden versinken möchte.
Immer wieder schon erlebte ich,
wie ich zuerst den Halt  und dann den Boden unter den Füßen verloren habe.
Ich habe mir oft schon nasse Füße geholt.
Und ich hatte auch schon den Eindruck baden zu gehen,
versank immer mehr in den Fluten, bis mir das Wasser bis zum Hals stand.

Liebe Mitbrüder im Priesteramt!
Ich hoffe, auch Ihr habt solche Erfahrungen gemacht.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich hoffe, auch Sie kennen solche Erfahrungen.
Erfahrungen der eigenen Schwachheit, der eigenen Grenzen, der Beschränktheit, der Abgründe, der Sündhaftigkeit.

Es sind Erfahrungen,
ohne die wir die eine lebens- und glaubenswichtige Erfahrung nicht machen könnten:
Die Erfahrung gerettet zu werden.

„Herr, rette mich!“ schreit Petrus als er spürt, wie er versinkt. (Mt 14,30)

Sofort streckt Jesus die Hand aus und ergreift ihn.
ER lässt ihn nicht untergehen.
ER lässt auch Dich nicht untergehen.

Lieber Manuel,
das ist eine der Erfahrungen, die ich Dir und auch Ihnen liebe Schwestern und Brüder,
aus den vergangenen 25 Jahren meines Weges mitgeben möchte:
ER lässt Dich nicht untergehen!

Aber er lässt Dich die Erfahrung des Versinkens machen, damit Du nicht vergisst:
Du bist gerettet.
Damit Du IHN, der Dich rettet nicht vergisst.
ER ist unser Retter!
ER ist der Sohn Gottes.
Über IHN können die, die es erfahren haben sagen:
„Wahrhaftig, Du bist Gottes Sohn!“ (Mt 14,33b)

Lieber Manuel,
Du hast Dir dieses Evangelium mit Bedacht ausgesucht. Und deshalb erlaube mir, Dir und allen anderen hier daraus noch ein paar andere Tipps und Gedanken mit auf den Weg zu geben:

– Vergiss nicht, dass die Kirche keine Luxusjacht ist, sondern ein Fischerboot.
Die Gefahr, es sich bequem zu machen in der Kirche ist nicht gering!
Mach es Dir nicht zu bequem. Und bedenke: Du bist nicht der Kapitän, sondern Du musst wie alle anderen Rudern und wenn Wasser eindringt beim Schöpfen helfen.

– Trau Dich, aus dem sicheren Boot zu steigen. Behalte den Mut zu ungewöhnlichen Schritten.
Hab Mut verrücktes zu wagen.

– Hab keine Angst, Dir nasse Füße zu holen.

– Scheue Dich nicht, ins Fettnäpfchen zu treten.

– Stehe auch zu Deiner Schwachheit.

Und wisse immer, dass ER Dir IMMER seine Hand ausstreckt.
Dass Du immer sagen kannst: „Wahrhaftig, Du bist Gottes Sohn!“ (Mt 14,33b)

Alles Gute und Gottes Segen auf Deinem Weg!

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