„Alle sollen eins sein.“ (Joh 17,21) – Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit

Bevor mein Vater im Jahr 1988 starb, hatte er sein Testament gemacht. Er hat uns seinen letzten Willen hinterlassen, seine Hinterlassenschaft geregelt, damit wir – meine Mutter, meine Geschwister und ich – wussten, was wir nach seinem Tod mit seinem Erbe tun sollten. Selbstverständlich haben wir uns auch an das gehalten und das umgesetzt, was unser Vater uns als sein Vermächtnis hinterlassen hat.

In den Evangelien, die uns die Kirche am Ende der Osterzeit in diesem Jahr vorlegt, zitiert Johannes aus dem Testament Jesu. Mit den Worten, die wir eben gehört haben, hinterlässt Jesus vor seinem Sterben den Seinen SEIN Vermächtnis – das was er ihnen als das Wichtigste für die Zeit nach seinem Heimgang mitgeben wollte.
Er kleidet sein Vermächtnis in ein Gebet für seine Jünger und für alle Menschen, ein Gebet, das er an den Vater richtet. Das Vermächtnis Jesu, sein wichtigster Wunsch für die Seinen nach seinem Heimgang, lautet: „Alle sollen eins sein.“ (Joh 17,21)

Das ist sein Wunsch nicht nur für seine Zuhörer, sondern auch für alle, die durch deren Wort an IHN glauben. (vgl. Joh 17,20) Die Einheit unter den Christgläubigen ist das Vermächtnis Jesu, sein Herzensanliegen und das, was er ihnen aufgibt, damit die Welt zum Glauben an ihn, den Christus kommt. (vgl. Joh 17,23)
Die Einheit ist das, was Jesus für uns möchte und was Jesus von uns möchte und wenn die Einheit unter den Christen da ist, dann ist das das überzeugendste Zeugnis, für die ganze Welt.

Umgekehrt ist die Uneinheit, die Trennung und die Zersplitterung unter den Christen wohl der größte Schmerz für Jesus und der größte Fehler in unserer Glaubwürdigkeit und die größte Schande für uns Christen.
Wenn uns Jesus als sein Testament die Einheit mit auf den Weg gegeben hat, müssen wir dann nicht alles daransetzen, damit diese Einheit unter uns da ist? Müsste sich nicht all unser Handeln als Christen darum mühen und daran messen, das Testament Jesu – also die Einheit – Wirklichkeit werden zu lassen?
Und sind dann nicht Alle, die Uneinheit oder gar Zwietracht und Spaltung unter den Christen säen, Verräter am Testament Jesu?

Es sind die letzten Worte, die Jesus an seine Jünger richtet: „Alle sollen eins sein.“ (Joh 17,21) Aber er stellt diesen seinen letzten Wunsch nicht einfach so in den Raum. Vielmehr zeigt er mit seinem Gebet an den Vater einen Weg auf, wie wir zur Einheit gelangen können: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, … sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir.“ (Joh 17,21-23)

Vorbild und Urbild der Einheit der Christen ist die Einheit zwischen Jesus und dem Vater. Jesus und der Vater sind zwar ZWEI unterschiedliche Personen, aber doch sind sie zutiefst EINS. Sie sind nicht zwei Personen, die nebeneinander existieren, sondern sie sind ineinander: Jesus, der Sohn IM Vater und Gott, der Vater IM Sohn. Beide haben nicht nur eine Beziehung zueinander, sie sind EINS. Sohn und Vater sind ZWEI und EINS.

Ein Gedanke, der in das Denken eines Mathematikers zwar nicht hineinpasst, aber vom Gespür eines enschen, der in Beziehung lebt, durchaus erahnt werden kann. Eine liebende Beziehung zwischen zwei Menschen ist ja auch auf die Einheit unter den Beiden ausgerichtet, braucht aber dennoch zwei eigenständige und freie Persönlichkeiten.

Unser christliches Leben mit Gott und untereinander soll sich, so wünscht es Jesus, die Beziehung zwischen IHM und dem VATER zum Vorbild nehmen. Jesus möchte, dass wir uns ganz von IHM – von Gott, durchdringen lassen und dass wir ganz IN Gott leben.
Die Eucharistie, die Kommunion, die wir empfangen, ist eine Möglichkeit, wie wir Gott im wahrsten Sinne des Wortes in uns hinein kommen lassen uns ja sogar körperlich ganz von ihm durchdringen lassen. Im wahrsten und im übertragenen Sinn des Wortes, möchte Gott in jeder Zelle unseres Körpers, und in jedem Winkel unseres Lebens, gegenwärtig sein. Und er möchte, dass wir ganz in IHM leben, wie es Paulus bei seiner Rede an die Athener sagen wird: „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28).

Gott möchte nicht nur immer und überall Anteil an UNSEREM Leben haben. Er möchte auch uns ganz an SEINEM Leben Anteil nehmen lassen. Dazu hat er Jesus in die Welt gesandt, der uns SEIN WORT verkündet und SEINE LIEBE vorgelebt hat, der SEIN lebendiges Wort ist. Wenn Menschen das Wort Gottes lebendig werden lassen, dann wird Jesus Christus lebendig, dann wird Gott lebendig. Dann entsteht ein Raum, eine Atmosphäre, die wir als göttlichen Raum, als göttliche Atmosphäre bezeichnen können.

In und durch Jesus hat uns Gott gewissermaßen hineinschauen lassen und lässt und immer noch hineinschauen in SEIN Leben, in das Leben des Vaters mit dem Sohn. Und er will, dass auch wir so leben, wie er. Dass wir mit IHM und UNTEREINANDER so leben, wie Gott der Vater mit dem Sohn. Denn um die Einheit zu erreichen, um die Jesus für uns Christen gebetet hat, dürfen – ja müssen – wir uns auch für die Beziehungen unter uns die Beziehung Jesu zum Vater zum Vorbild nehmen.
Auch untereinander, in der Kirche, unter den Kirchen, in der Gemeinde, in der Schule, in unseren persönlichen Beziehungen sollen wir Christen die Liebe zwischen Gott, dem Vater und dem Sohn nachahmen.

Der Vater und der Sohn leben nicht nebeneinander her, sondern sind ganz füreinander da. Der Vater und der Sohn tolerieren sich nicht nur irgendwie, sondern einer wird durch den anderen sichtbar. Der Vater und der Sohn denken nicht nur gelegentlich aneinander, sondern nehmen ganz Anteil am Leben des Anderen. Der Vater und der Sohn sind zwei eigenständige Personen, und doch eine Einheit.
Wenn wir also untereinander die Einheit, wie sie Jesus will, leben wollen, müssen wir dann nicht noch viel mehr füreinander da sein, aufeinander hören, uns füreinander interessieren, miteinander leiden und uns mit dem anderen freuen? Müssen wir dann nicht versuchen, uns in den Anderen hineinzuversetzen, für ihn mitsorgen und mit ihm alles teilen, ja letztlich für ihn das Leben geben?

„Alle sollen eins sein.“ (Joh 17,21) Das ist das Testament Jesu. Die, die ihm nachfolgen, haben die Aufgabe, sein Testament umzusetzen. WIR haben die Aufgabe, uns für die Einheit einzusetzen, indem wir mit Gott und miteinander – mit unseren Nächsten und mit allen Christen – so leben wie Jesus mit dem Vater. Eine große Aufgabe. Sie ist noch lange nicht vollendet. Das Ziel ist klar: „Alle sollen eins sein. … damit die Welt glaubt.“ (Joh 17,21)

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