Seht das Lamm Gottes – Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder,
einen Satz hören wir in jeder Messe: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“
Wir kennen ihn gut – und überhören ihn leicht. Dabei steckt in ihm das ganze Evangelium.

Warum nennt Johannes Jesus Lamm?
Für Israel war das sofort klar: Das Paschalamm bedeutete Befreiung und Schutz. Das Opferlamm stand für Hingabe und Versöhnung.
Wenn Johannes also sagt: Seht, das Lamm Gottes, dann meint er: Dieser Jesus rettet nicht mit Macht, sondern mit Liebe, nicht mit Gewalt, sondern mit Hingabe.

Viele kennen das Bild des Johannes im Isenheimer Altar. Da steht der Täufer neben Jesus – und sein Finger ist unnatürlich groß. Warum? Damit man ihn nicht übersieht. Johannes zeigt nicht auf sich. Er sagt nicht: Schaut, wie fromm ich bin. Er sagt nur: Schaut auf ihn.

Aber etwas ist noch wichtiger: Im Isenheimer Altar zeigt Johannes nicht auf den lebenden Wanderprediger, sondern auf den gekreuzigten Jesus.
Das heißt: Der Satz am Anfang des Evangeliums trägt schon das Ende in sich.
Wenn Johannes sagt: Seht, das Lamm Gottes, dann meint er schon den, der sein Leben hingibt, der am Kreuz die Sünde der Welt trägt und uns erlöst. Schon am Jordan weist Johannes auf Golgotha.

Johannes sagt weiter: nicht „die Sünden“, sondern „die Sünde der Welt.“
Im Johannesevangelium ist „Welt“ oft die Wirklichkeit, die ohne Gott leben will: wo Erfolg wichtiger ist als Menschlichkeit, Macht wichtiger als Barmherzigkeit, Ich wichtiger als Du.
Jesus kommt nicht, um diese Welt zu verurteilen, sondern um sie durch seine Hingabe am Kreuz zu heilen.

Und jedes Mal vor der Kommunion ruft die Kirche uns das zu: Schau nicht zuerst auf dich – schau auf ihn. Auf den, der für dich bis zum Äußersten gegangen ist.

Was heißt das für uns heute?
Wer zum Lamm geht, wird selbst anders: leiser in einer lauten Welt, barmherziger in einer harten Welt, aufmerksamer in einer achtlosen und schnellen Welt.
Nicht, weil wir besser sind, sondern weil wir vom gekreuzigten Lamm lernen, wie Gott liebt.

In ein paar Minuten hören wir es wieder: „Seht, das Lamm Gottes …“
Vielleicht sehen wir dabei den Finger des Johannes vor uns, der nicht auf uns zeigt, sondern auf den Gekreuzigten. Und wir gehen zu dem, der uns nicht bewertet, sondern erlöst. Der unsere Welt nicht aufgibt, sondern erneuert – angefangen bei uns.
Darum bitten wir: Herr, nimm weg, was unser Herz eng macht und unsere Liebe müde.
Damit wir – mit dir – ein wenig mehr Lamm Gottes in dieser Welt werden.

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