Der Fels und der Stolperstein – Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis

      Kommentare deaktiviert für Der Fels und der Stolperstein – Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis

Am letzten Sonntag haben wir gehört, wie Petrus zu Jesus sagte: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt 16,16) Und Jesus sagte darauf zu Petrus: „Selig bist du, Simon!“ (Mt 16,17) Und: „Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen…“ (Mt 16,18)

Und heute, nur ein paar Verse weiter – noch im gleichen Kapitel des Matthäusevangeliums -, sagt Jesus zu genau demselben Petrus: „Weg mit dir, Satan! Du willst mich zu Fall bringen.“
Korrekter (in der neuen Einheitsübersetzung) übersetzt: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir!“ (Mt 16,23)

Petrus wird – innerhalb weniger Sätze – vom Fels zum „Stolperstein“.
(πέτρα (V. 18): das, worauf man bauen kann – Fundament, Stabilität, Tragfähigkeit.
σκάνδαλον (V. 23): das, worüber man stolpert – Hindernis, Fallstrick, das einen vom Weg abbringt.)

Was ist passiert?
Jesus hatte angekündigt, dass er leiden und sterben muss. Und Petrus – aus echter Liebe, das muss man ihm zugutehalten – nimmt ihn beiseite und sagt: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ (Mt 16,22)
Er meint es gut. Er will Jesus beschützen. Und trotzdem sagt Jesus zu ihm: „Weg mit dir!“ und „Satan“ (vgl. Mt 16,23). Denn, „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Mt 16,23)

Am vorigen Sonntag hatte Jesus dem Petrus bescheinigt: „nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ (Mt 16,17)

Petrus ist nicht plötzlich ein schlechter Mensch geworden. Sondern: Er urteilt aus einer anderen Quelle. Sein Widerspruch kommt aus dem, was jedem Menschen einleuchtet: Leiden ist schlecht. Das Kreuz muss verhindert werden. Wer würde Petrus da nicht recht geben?
Und genau darin liegt die Falle. 
Nicht alles, was uns vernünftig, gut gemeint oder sogar liebevoll erscheint, ist deshalb schon Gottes Gedanke.

Die meisten von uns sind selten in der Versuchung, offen Böses zu wollen. 
Unsere Versuchung sieht anders aus. Sie sieht aus wie bei Petrus: gut gemeint, menschlich verständlich – und trotzdem vielleicht am Willen Gottes vorbei.

Denken wir an ganz alltägliche Situationen:
Ein Konflikt zum Beispiel in der Familie oder am Arbeitsplatz. Was uns Menschen naheliegt, ist: Recht bekommen, sich durchsetzen, das letzte Wort haben. Was Gott will, kann vielleicht ganz anders aussehen: den ersten Schritt tun, verzeihen, und dabei vielleicht auch auf das eigene Recht verzichten.
Eine schwere Entscheidung, ein Leid, das nicht zu verhindern ist. Was uns Menschen naheliegt, ist: Augen zu, verdrängen, oder verzweifeln. Aber will Gott nicht vielleicht, dass wir hindurchgehen, im Vertrauen, dass auch das Schwere nicht das letzte Wort hat.
Und ganz grundsätzlich, immer wieder: Was ist bequem, was sichert mein Ansehen, was macht mir keinen Ärger? Das ist die menschliche Logik. Und dann die Frage: Was würde Jesus jetzt von mir wollen – auch wenn es vielleicht unbequem ist?

Petrus wollte Jesus vor dem Kreuz bewahren. Aber ohne das Kreuz gibt es keine Auferstehung. 

Manchmal – ich kann ihnen auch nicht sagen warum – ist genau das, wovor wir instinktiv zurückschrecken, der Weg, den Gott vorgesehen hat.

Jesus sagt zu Petrus nicht nur „geh weg“, sondern wörtlich: „Geh hinter mich.“ (Mt 16,23)
Und genau dieselben Worte gebraucht er zwei Verse später für alle, die ihm nachfolgen wollen: „Wer hinter mir hergehen will verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24)
Das heißt: Jesus verstößt den Petrus nicht. Er stellt ihn nur zurecht – an den richtigen Platz. Nicht vorneweg, mit eigenen Vorstellungen, wie es laufen soll. Sondern hinter Jesus her, IHM folgend. Dem Willen Gottes folgend.

Mir hilft, was Jesus mit Petrus da tut – was Er zu ihm sagt:
Es geht nicht darum, nie mehr wie Petrus zu denken, nicht nach menschlichen Maßstäben zu denken. Das werden wir nicht schaffen. 
Es geht darum, uns immer wieder zurechtrücken zu lassen. Zurück auf den Platz hinter Jesus. Nicht vorneweg mit unseren guten, menschlichen Ideen, was richtig wäre sondern IHM nach, auch wenn der Weg vielleicht unbequem ist.

In die neue Woche kann uns die Frage begleiten: Wo in meinem Leben denke ich gerade eher das, was mir – oder anderen Menschen – passt? Und wo müsste ich fragen: Was will eigentlich Gott?

Der Fels und der Stolperstein liegen näher beieinander, als wir denken. 
Der Unterschied ist nicht, wer wir sind. 
Der Unterschied ist, wovon wir uns leiten lassen.