Wann bist Du Jesus begegnet? – Predigt am 2. Sonntag der Osterzeit

Wann bist Du Jesus begegnet?
Wenn man mit Glaubensgeschwistern aus Freikirchen zu tun hat, kann es passieren, dass einem diese Frage gestellt wird.
Wann bist Du Jesus begegnet?

Für Katholiken eine ungewöhnliche Frage. Aber für jeden Christen ist die Antwort auf diese – zugegeben – sehr persönliche Frage von grundlegender Bedeutung.

Wann bist Du Jesus begegnet?

Unser Glaube ist nämlich weit mehr und wesentlich dynamischer und lebendiger, als ein theologisches Lehrgebäude oder eine Sammlung moralischer Forderungen.
Unser Glaube gründet in der lebendigen Beziehung mit Jesus Christus.
Fällt die lebendige Beziehung mit Jesus weg, oder ist sie nicht mehr lebendig, ist auch unser Glaube nicht mehr lebendig. Man kann sich dann zwar noch „christlich“ verhalten, doch das christliche Leben hat dann seine tragende Grundlage verloren. Denn Christentum ist weit mehr als Humanismus oder Gutmenschentum.

Wann bist du Jesus begegnet?

Die Evangelien, die wir in der Osterzeit lesen, berichten fast ausschließlich von Begegnungen mit dem Auferstandenen Jesus:
Maria Magdalena ist die Erste, die ihm begegnet.
Dann die Jünger auf dem Weg nach Emmaus.
Wir hören von Simon, dem Jesus erschienen ist.
Heute von den Jüngern, die sich hinter verschlossenen Türen verstecken und von Thomas, den Jesus sogar auffordert, ihn anzufassen.
Wir hören von den Jüngern, die am See fischen.
Schließlich wird uns in der Apostelgeschichte sogar noch von dem Christenverfolger Saulus berichtet, dem Jesus auf dem Weg nach Damaskus begegnet und der dort von IHM zum Paulus bekehrt wird.

All die Begegnungen sind ganz unterschiedlich.
Oft haben die betreffenden Frauen und Männer zuerst gar nicht begriffen, dass es der auferstandene Christus ist, der ihnen da begegnet.
Durchgängig werden sie von IHM in ihrer jeweiligen Situation angesprochen.
ER schenkt ihnen Freude und Kraft, Mut und Zuversicht.
Und immer drängt es die, die IHM begegnet sind, es anderen weiter zu sagen.

So entsteht die Kirche. So wächst die Gemeinschaft derer, die IHM begegnet sind und die aus der lebendigen Begegnung mit IHM leben.
Mit den Frauen und Männern, von denen uns die Heilige Schrift berichtet, beginnt eine Geschichte, die bis heute weiter geht.
Unzählige Männer und Frauen in den zurückliegenden zweitausend Jahren sind IHM begegnet, haben sich von IHM ansprechen lassen, haben sich auf IHN eingelassen, sind IHM nachgefolgt.
In allen christlichen Generationen haben Menschen die Erfahrungen Anderer mit dem Auferstandenen Christus und ihre eigenen Erfahrungen mit dem lebendigen Christus weitererzählt.
Nicht wenige sind im Laufe der Kirchengeschichte dafür belächelt oder verspottet, ja sogar getötet worden, weil sie es nicht für sich behalten konnten, dass ihnen Jesus begegnet ist, dass Jesus mit ihnen geht und dass ER ihr Leben verändert hat.

Wo Menschen ihre Erfahrungen mit dem lebendigen Christus weitererzählt haben, ist die Gemeinschaft der Christen gewachsen, hat sich der Glaube ausgebreitet.
Wo Christen aufgehört haben davon zu erzählen, wie sie mit Jesus leben, ihren Kindern oder Enkeln den lebendigen Glauben weiterzugeben, ist die Kirche zu einer unattraktiven Institution, zu einem blutleeren Lehrgebäude und zu einer wenig anziehenden Hüterin bestimmter Traditionen und Moralvorstellungen geworden.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich bin überzeugt, wenn wir auf die Frage „wann bist du Jesus begegnet?“ keine Antwort geben können und wenn wir nicht lernen, die Antwort auf diese Frage anderen weiter zu erzählen, dann hat die Kirche, dann hat ein lebendiges Christentum hier keine Zukunft.

Denn es liegt nicht dran, dass wir IHM nicht begegnet wären.
ER ist ja lebendig. ER ist ja gegenwärtig. ER ist ja da. Wir begegnen IHM ja.

Aber – und das gibt mir Hoffnung und Zuversicht – es geht uns wie den Ersten Christen, die IHN erst sehen lernen müssen. Es geht uns wie den Frauen, den Jüngern und all denen, die IHM begegnet waren, die erst lernen mussten, diese unfassbare Botschaft miteinander zu teilen, voreinander davon zu erzählen. Und später auch anderen davon zu erzählen.

Wann bist du Jesus begegnet?

Nun werden Sie zu Recht sagen: Pfarrer, erzähle Du uns doch ein Beispiel, wie DU Jesus begegnet bist. Ich will Ihnen ein Beispiel aus meinen Begegnungen mit IHM erzählen:

Es war in meinem dritten Jahr als Kaplan. Da bin ich krank geworden. Vom Rettungsdienst wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Man wusste nicht, was ich habe. Die Untersuchungen gaben allesamt keinen Befund. „Unterzucker und psychische Erschöpfung“ war die Diagnose des Notarztes gewesen.
Was war geschehen? Nach dem Ende einer Freundschaft mit einem Mitbruder, hatte ich mich in die Arbeit gestürzt. Und dann war ich zusammengebrochen. Und vor allem hatte ich die Beziehung mit Jesus schleifen lassen.
Im Krankenhaus hat mich die Oberin der Schwestern, denen das Krankenhaus gehörte, jeden Tag besucht. Und eines Tages hat sie mich gefragt: Herr Kaplan, was ist eigentlich mit Ihnen los?
Und mit dieser Frage begann ein (auch) geistlicher Heilungsweg, bei dem mich diese Ordensschwester begleitet hat und ohne den ich vielleicht alles hingeschmissen hätte.
Durch die Schwester hat ER zu mir gesprochen.
Ich habe dann neu begonnen und meine Beziehung mit IHM auf andere, neue Beine gestellt.

Im Rückblick kann ich sagen: Es war ein Segen, dass ich im Krankenhaus gelandet war und da Jesus begegnet bin.

Wann bist Du Jesus begegnet?

Ich bin mir sicher, dass jeder und jede von Ihnen IHM schon begegnet ist.
Was hindert uns daran, im geeigneten Rahmen anderen davon zu erzählen?

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