Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! – Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis

Stellen wir uns die ganze Szene noch einmal vor: Da ist der blinde Bartimäus, der wohl schon einmal sehend war, doch dann – aus welchem Grund auch immer – das Augenlicht verloren hat. Er sitzt am Straßenrand und merkt, dass Leute vorbeikommen. Vermutlich will er betteln. Doch als er hört, dass es Jesus ist, ruft er laut: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ „… ἐλέησόν με!“ Und als die Leute darüber unwillig werden ruf noch lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ „… ἐλέησόν με!“

Kyrie eleison. Das ist genau der Ruf, den wir zu Beginn jeder heiligen Messe – ja jedes Gottesdienstes -Christus dem Gottessohn entgegenrufen. Herr, erbarme dich, so übersetzen wir es auf Deutsch.
„Kyrie eleison“ war in vorchristlicher Zeit ein gebräuchlicher Huldigungsruf für Götter und Herrscher. Im spätantiken Hofzeremoniell wurde der Kaiser mit diesem Ruf begrüßt, wenn er den Raum betrat. (Quelle: Wikipedia)

Letztendlich legt der blinde Bartimäus mit seinem Ruf DAS Bekenntnis ab, das wir als Christen tagtäglich und bei jedem Gottesdienst ablegen dürfen: Jesus Christus ist der Herr, der Herr über unser Leben. Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.
Wir sind heute hier, weil wir auf den Kyrios auf Jesus Christus unseren Herrn unser ganzes Vertrauen setzen.

Zurück in die Szene des Evangeliums: Die Leute, die sich noch über den schreienden Bartimäus aufgeregt haben, ermutigen ihn auf Jesus zu zugehen, nachdem dieser innegehalten und befohlen hatte: „Ruft ihn her!“ (Mk 10,49b)
Und mit vollem Schwung springt Bartimäus auf. Er wirft seinen Mantel ab, und läuft auf Jesus zu.
Der Mantel,der ihn vorher ins Abseits, in die Bedeutungslosigkeit versenkt hat, der fliegt davon.
Der Mann, der sich bisher nicht rühren konnte und durfte, der still und traurig in der Ecke saß, und um Almosen bettelte, springt auf und tut etwas, was für einen Blinden völlig ungewöhnlich ist: er rennt los, auf Jesus zu. Er überlegt nicht, was die Anderen denken könnten. Es ist ihm egal, ob’s noch irgendwelche Hindernisse gibt, die im Weg liegen könnten. Er rennt auf Jesus zu.

In der Dynamik ist zu spüren, dass sein Bekenntnis von vorhin: – Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir – dass dieses Bekenntnis nicht nur ein frommer Spruch ist, sondern seine feste Überzeugung wird.
Und aus dieser Überzeugung heraus lässt er sich von Jesus in die Frage stellen: „Was willst DU, dass ich DIR tue? – Was soll ich DIR tun?“ (Mk 10,51b) Mit diesem DIR verdichtet Jesus die Situation, fokussiert sie auf diesen blinden Mann, den Bartimäus. Und ER lenkt den Blick auf das Bedürfnis dieses konkreten Menschen.

Jesus ist so nicht mehr nur der Retter für alle, der Heiland der Welt, sondern der, der dem einzelnen Menschen in seiner konkreten Not, in seinen konkreten Fragen und Ängsten nahe ist.
Und die ganze Angst, die ganze Not, die ganze Sehnsucht des Bartimäus steckt in seiner Antwort: „Rabbuni, ich möchte (wieder) sehen können.“ (Mk 10,51b)
Aus tiefstem Herzen scheint diese Antwort zu kommen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Schon immer hat mich diese Geschichte besonders angerührt. 
Sie zeigt, wie Jesus ist. Und sie zeigt, wie WIR mit IHM umgehen dürfen.
Sie zeigt: Jesus ist unser Herr. Jesus ist der Herr der Welt. Jesus ist der Heiland.
Und dieser Jesus schaut auf jeden Einzelnen auch auf mich mit meinen ganz konkreten Sorgen und Nöten.
Für IHN geht der Einzelne nicht einfach in der Masse unter.
Für Jesus zählt jeder Einzelne!
Für Jesus zähle sogar ICH.

Und auch ich darf den Mantel, der mich bedeckt, der mich niederdrückt, der mir nur äußerst unzureichend Schutz und nur eine scheinbare Geborgenheit verleiht, abwerfen.
Ich darf auf IHN zugehen – ja zurennen – und IHM meine Sorgen anvertrauen.
Dabei brauche ich mir keine Sorgen machen, was Andere denken könnten.
Ja selbst wenn Andere sagen: „es hat doch sowieso keinen Zweck“, selbst dann darf ich’s machen wie Bartimäus.

Das Evangelium vom blinden Bartimäus will uns dazu ermuntern.
Ermuntern, Jesus unsere tiefsten Ängste, Sorgen und Nöte anzuvertrauen.
Denn auch von jedem von uns erwartet ER eine ehrliche Antwort auf seine ganz persönliche Frage: „Was soll ich DIR tun?“ (Mk 10,51b)

3 thoughts on “Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! – Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis

  1. Robert Kümmel

    Es ist schön den Evangeliumstext erneut zu hören und die Betonung auf das Du, das ganz persönliche für jeden einzelnen ist gut und wichtig. Was mir fehlt sind die Worte Jesu. „Dein Glaube hat Dich gerettet“ und ich denke, das ist etwas ganz entscheidendes, Ohne dem wäre gar nichts passiert. Alles Tun und Machen wäre sinnlos gewesen, wenn Bartimäus seine Hoffnung und seinen Glauben nicht ganz auf den Herrn Jesu gerichtet hätte.

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  2. Jutta högerle

    Die auslegung der bartimäus-geschichte mit so vielen details, von mir bisher unbeachtet, hat mich sehr berührt. Mir kommt auch der gedanke, bartimäus hat bisher vom betteln gelebt. Von was wird er leben, wenn jesus ihm das augenlicht wieder schenkt? Das alles ist ihm unwchtig. Er wird getrieben vom wunsch, wieder sehen zu können – und vom vertrauen zu jesus.
    Würden wir auch alles riskieren?

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