Passt das Virus zum Himmelreich? – Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis

Wie ein klitzekleiner Virus, den man mit dem bloßen Auge gar nicht sehen kann, die ganze Welt auf den Kopf stellt, das können wir zur Zeit erleben.

Könnte man den Virus und was wir in den letzten Monaten bei seiner Bekämpfung erlebt haben, nicht noch an die Reihe von drei Gleichnissen die Jesus im Evangelium heute erzählt, als ein viertes Gleichnis anheften?

Mit seinen Gleichnissen erzählt Jesus, wie es sich mit dem Reich Gottes verhält: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, 
der guten Samen auf seinen Acker säte.“ (Mt 13,24)
Das Himmelreich ist etwas Gutes, eine Wirklichkeit, die in der Welt da ist, die aber auch gefährdet scheint.

Der Feind säht Unkraut unter den guten Samen.
So etwas ist in der Antike tatsächlich öfter passiert.

Um welches Unkraut es sich handelt, ist nicht genau beschrieben, doch es liegt nahe, das es eines sein könnte, das dem Getreide ähnlich sieht. Vielleicht meint Jesus „Lolch“ – auch „Weidelgras“ genannt. Das sieht in der ersten Wachstumszeit dem Getreide sehr ähnlich. Erst wenn der Weizen die Ären bildet, ist er vom Lolch zu unterscheiden.

Bei den verschiedenen Dingen, die in der Welt wachsen, ist es ja auch so. Man sieht nicht immer gleich, ob etwas, was entsteht, gut und nützlich ist. Nicht selten merkt man das erst viel viel später. Und wohlmeinende Geister meinen dem Himmelreich zu helfen, indem sie das Unkraut ausreißen. Dass sie damit auch das Gute gefährden, haben sie scheinbar nicht im Blick.

Gott jedoch, der den guten Samen ausgesät hat, bringt die Geduld auf, alles wachsen zu lassen. Jesus hat kein Problem damit, dass auch Dinge wachsen, die auf den ersten oder vielleicht sogar auf den zweiten Blick nicht so toll sind. Am Ende wird man es sehen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Mt 7,16)

Das Himmelreich ist durch die Puristen, mehr gefährdet als durch das Böse. Leute, die meinen, mit aller Gewalt die Reinheit der Lehre, bewahren zu müssen, die meinen, mit Gewalt alles Neue und Ungewöhnliche ausmerzen zu müssen, haben im Laufe der Geschichte schon großen Schaden angerichtet. Das gilt zweifellos auch für die Geschichte des Glaubens und für die Kirchengeschichte.

„Mit dem Himmelreich ist es (also) wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.“ (Mt 13,24) Und der die Gelassenheit und die Geduld aufbringt zu warten bis zur Ernte, bei der dann das Gute, das gewachsen ist, von dem getrennt wird, was sich als schlecht gezeigt haben wird.

Außerdem ist es „mit dem Himmelreich wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.“ (Mt 13,31) und aus dem ein großer Baum wächst. Und „wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.“ (Mt 13,33)

Zwei ganz normale Dinge, in der Zeit Jesu alltägliche Vorgänge, denen vielleicht niemand Beachtung schenkt. Es sind die kleinen Dinge, die unscheinbaren, die alltäglichen, die helfen, dass das Reich Gottes entsteht. Es sind die kleinen Hilfen, die wir geben, die „normalen“ Dienste, die wir einander leisten, die kleinen Gesten, die wir schenken, die das Himmelreich befördern und das Reich Gottes schon hier entstehen lassen.

Die kleinen Dinge zu tun, ruft uns Jesus auf.
Unscheinbar und selbstverständlich tun, was getan werden muss.
Unspektakulär und ohne großes Aufhebens Gutes zu tun, zu helfen, unsere Arbeit gut zu erledigen, miteinander gut umzugehen, sind durchaus bedeutende Dinge, die zum Aufbau des Reiches Gottes beitragen.

Mit Absicht spricht Jesus vom Himmelreich in Gleichnissen.
Er vermeidet es, ganz konkrete Handlungsanweisungen zu geben.
Er will unserem Einfallsreichtum und den Möglichkeiten, die sich in der jeweiligen Situation zeigen, nicht vorgreifen.
Vermutlich will er den vorher schon genannten Puristen ihr Werkzeug aus der Hand nehmen, den Pharisäern, die genau wissen was konkret man tun oder nicht tun darf um die „Heile Welt“ herbei zu zaubern.

Das Himmelreich wächst.
Wir können und müssen unseren Teil dazu beitragen.
Was? und Wie? 
Dazu fällt Dir und Dir und mir schon etwas ein, wenn wir mit wachen Augen und bereitem Herzen durch die Welt gehen.

Ich möchte meine Anfangsfrage noch einmal stellen: Könnte man den Virus und was wir in den letzten Monaten bei seiner Bekämpfung erlebt haben, nicht noch als ein viertes Gleichnis hinzufügen?

Von den kleinen und unscheinbaren Dinge habe ich schon gesprochen.

Was alles getan wird und was Menschen auf sich nehmen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, ist beachtlich.

Dass es das Mittun von möglichst vielen – am besten von allen – braucht, das erleben wir.

Dass Entschiedenheit und Entschlossenheit, Solidarität und Respekt voreinander nötig sind, das zeigt die Corona-Krise deutlich.

Dass Verzicht und Einschränkung zwar weh tut, aber doch einen positiven Beitrag darstellen, ist den meisten klar geworden.

Dass, wenn Vertrautes nicht möglich ist, Neues und Kreatives entstehen kann, habe ich nicht nur in unserer Pfarreiengemeinschaft, sondern auch in anderen Bereichen gesehen und erlebt.

Zwar gehört der Virus wohl eher nicht ins Evangelium, aber vieles positive, was sich in der Krise zeigt, kann uns dabei hilfreich sein, dem Reich Gottes näher zu kommen.

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