Es geht um ALLES und um DIE VERHEISSUNG – Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis

Das Evangelium dieses Sonntags versetzt mir einen innerlichen Stich. Nicht nur die Worte, die Jesus über die Schriftgelehrten, also die studierten Theologen wie ich einer bin, sagt geben mir zu denken. Vor allem, den letzten Satz, den ER über die Arme Witwe sagt, empfinde ich wie einen Stachel im Fleisch.

Es geht hier um ALLES: „sie hat alles hergegeben, was sie besaß“ (Mk 12,44). Ja, es geht bei beiden den Schriftlesungen dieses Sonntags um ALLES. Gott sei Dank nicht um ALLES ODER NICHTS, aber es geht um ALLES – UND EINE VERHEISSUNG.

In den beiden Lesungen dieses Sonntags wird von zwei Frauen wird berichtet: Im ersten Buch der Könige von der Witwe von Sarepta, die aus der letzten Hand voll Mehl ein Gebäck für die Propheten Elija bäckt. Und im Markusevangelium von der armen Witwe, die Jesus dabei beobachtet, wie sie zwei kleine Münzen in den Opferkasten wirft. Sie, so attestiert er, „hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern“ (Mk 12,34), die ja nur etwas von ihrem Überfluss gegeben haben.
Beide Frauen geben nur ganz wenig, aber sie geben ALLES was sie hatten. Natürlich kann man mit dem Vielen das die Reichen geben viel mehr Gutes tun als mit den zwei kleinen Münzen, aber im Unterschied zu denen hat sich die arme Witwe mit ihrer Gabe ganz und gar abhängig gemacht von einem Anderen, denn mit eigenen Mitteln und aus eigener Kraft ist ihr Leben nun nicht mehr gesichert.

Im Tempel, dem Ort der Gegenwart Gottes – dessen Name JHWH ja sagt, dass ER da ist – hat sie ihr Letztes gegeben und ihre Existenz so ganz in die Hände Gottes gelegt. Vielleicht hatte sie ihre Schicksalsgenossin vor Augen, die einige Jahrhunderte vor ihr die Erfahrung gemacht hat, dass die Verheißung Gottes in Erfüllung gegangen ist, die ihr der Prophet Elija gegeben hatte: „So spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen.“ (1 Kön 17,14) Das war ja dann auch so eingetreten.

Gott lässt den der gibt, der sich ganz in SEINE Hand gibt, nicht hängen!
Das macht Jesus an verschiedenen Stellen in den Evangelien deutlich: Er verspricht dem, der einem seiner Jünger auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, dass er nicht um seinen Lohn kommen wird (vgl. Mk 9,31). Und als seine Jünger ihn fragen, was sie dafür bekommen werden, dass sie alles verlassen haben und ihm nachgefolgt sind, verspricht er ihnen das Hundertfache und das Ewige Leben (vgl. Mt 19,27f).

Gott lässt den der gibt, der sich ganz in SEINE Hand gibt, nicht hängen! Ganz im Gegenteil: Er beschenkt ihn reich.

Liebe Schwestern und Brüder!
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich muss zugeben, dass ich mich schwer täte, meinen ganzen Lebensunterhalt wegzugeben. Ich weiß nicht, ob ich mich, wie es beispielsweise ein Franziskus von Assisi getan hat, meine ganze Habe wegschenken könnte. Gelegentlich habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass ich von Gott reich beschenkt worden bin, nachdem ich mich von IHM abhängig gemacht habe. Das gilt für Ideen, die ich für besonders hielt, die ich dann aber losgelassen habe und von Gott mit neuen noch viel besseren Gedanken und Vorschlägen beschenkt wurde. Das gilt auch für materielle Dinge, die ich hergegeben habe und dafür reich mit anderem beschenkt wurde. Aber so richtig ganz, alles was ich habe herschenken – das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer.

Mich tröstet, dass bei näherem Hinsehen Jesus die Reichen, die nur ihren Überfluss geben nicht direkt kritisiert, aber er lobt sie auch nicht ausdrücklich. An anderer Stelle betont er allerdings, wie schwer es für einen Reichen ist, in das Reich Gottes zu kommen: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“ (Mt 19,24) ER lobt nur die Witwe, die ihre letzten zwei Münzen gegeben hatte. 

Und so rückt er den offensichtlichen Glauben der armen Witwe an die Erfüllung der Verheißung Gottes, in den Mittelpunkt. Sie hatte sich Gott ganz existenziell anvertraut. Und das ist für Jesus lobenswert. ALLES in die Hand Gottes gelegt zu haben, das ist das vorbildliche Tun dieser armen Frau im Tempel.
Der Stachel, den ich diesem Evangelium empfinde, liegt genau in der Frage: „Bin ich bereit alles, mein ganzes Leben, auch ganz existenziell in die Hand Gottes zu legen?“

Es geht Jesus um ALLES und um DIE VERHEISSUNG.
Um die Frage, ob ich – ob wir – ALLES in die Hand Gottes zu legen bereit sind; und um die Frage, ob ich – ob wir – an DIE VERHEISSUNG, dass Gott uns nie hängen lassen wird – mehr noch – reich beschenken wird, wirklich glauben.

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