Eines fehlt Dir noch – Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis

Stellen wir uns die Szene noch einmal vor: da kommt ein Mann, wie sich später herausstellt ein Reicher, und fällt vor Jesus auf die Knie.
Einen Kniefall vor Jesus machen sonst nur die, die der Heilung bedürfen, die Kranken, die Aussätzigen, die Sünder. Hier macht den Kniefall ein Reicher.
Und er stellt Jesus die Frage: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ (Mk 10,17)

In seiner Antwort verweist Jesus auf Gott, der DER Gute ist. Und dann nennt ER die Gebote.
Aus tiefem Herzen kann der Mann von sich behaupten, dass er die Gebote von Jugend an befolgt habe.
Und dann kommt der Hammer: „Da sah ihn Jesus an, umarmte ihn und sagte:  EINES fehlt DIR noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21)

Schauen wir genau hin: hier erst heißt es, dass Jesus ihn ANSIEHT. Und mehr noch: Die neue Einheitsübersetzung sagt sogar: „er umarmte ihn“. Das ist mehr als das „weil er ihn liebte“ in der alten Übersetzung. Das griechische Wort, das hier im Urtext steht, bedeutet mehr als Zuneigung. Es kann auch eine konkrete Äußerung der Liebe bedeuten. (Kommentar in der Gute Nachricht-Übersetzung).

Hat Jesus vorher allgemein gesprochen – offenbar, ohne den Mann anzusehen – so spricht er ihn nun persönlich an, geht vielleicht sogar auf Körperkontakt mit ihm: „Eines fehlt DIR noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21b)

Wenn ich mich jetzt selbst in die Rolle des Mannes begebe, der Jesus da begegnet so stellt sich zuerst die Frage: Will auch ich das ewige Leben gewinnen?
Und weiter muss ich mich fragen: kann ich von mir sagen, dass ich die Gebote – alle Gebote – von Jugend an befolgt habe?

Und schließlich darf auch ich mich von Jesus anschauen lassen, ja sogar in den Arm nehmen lassen, mir bewusst machen, dass ER auch MICH liebt und mit SEINEM liebenden Blick anschaut und mich berührt.

Und dann frage ich mich: Was würde ER zu MIR sagen: „Eines fehlt DIR noch…“?
Was wäre das EINE, das MIR noch fehlt? „Ich bin doch kein Reicher!“ werde ich sagen. „Es gibt Leute, die noch viel reicher sind als ich!“ „Außerdem muss man ja auch ein Auskommen haben!“
Aber auch zu mir sagt Jesus: „Eines fehlt DIR noch!“
Was ist das EINE, das MIR noch fehlt?

Wir dürfen es uns an dieser Stelle nicht zu leicht machen!
Man könnte sehr schnell in der Gefahr erliegen, hier vom Reichtum, vom Geld, vom Besitz
weg auf etwas Anderes hin zu interpretieren.
Doch Jesus sagt auch UNS, die wir ja seine Jünger sind: „Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!“ (Mk 10,24) Er bekräftigt es sogar noch mit dem Bild vom Kamel und dem Nadelöhr.

Vielleicht geht es uns im ersten Moment wie den Jüngern, die über seine Worte bestürzt waren. (vgl. Mk 10,26) Denn sagt man nicht: „Beim Geld hört die Freundschaft auf.“ Zu dem reichen Mann sagt Jesus hier: „Bei der Frage des Geldes stellt sich die Frage der Freundschaft neu.“

Im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 26,24)
Martin Luther bringt es auf den Punkt: „Worauf du nun dein Herz hängst und verlässt, das ist eigentlich dein Gott“.

Es muss nicht unbedingt das Geld sein. Aber es stellt sich die Frage: Woran hängt mein Herz? Wofür investiere ich meine Zeit, mein Geld, meine Kraft? Und: hält mich das ab von Gott? Von Jesus? Vom echten Leben? Was ist „DAS EINE“ bei mir?

„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ (Mk 10,17) hatte der Mann Jesus gefragt.
Anders als viele die Jesus begegnet waren und die ER geheilt hat geht dieser Mann TRAURIG weg.
Weder sein Kniefall vor Jesus, noch seine schmeichelnden Worte („guter Meister“), noch das Halten der Gebote von Jugend an, hatten ihm geholfen.

Und ich Frage mich selbst wieder: „Was kann dann mir helfen?“
„Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“ (Mk 10,27)
Allein werden wir es nicht schaffen. Aber mit Gottes Hilfe! Und dass es möglich ist, trotz unserer Begrenztheit und unsere Schwächen, das zeigen mir die Apostel: Sie haben alles verlassen und sind IHM nachgefolgt. Dass sie nicht um ihren Lohn kommen, das hat ihnen Jesus zugesagt:
„Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit 
wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ (Mk 10,29f)

Noch einmal frage ich mich: 
– Will ich das ewige Leben gewinnen? 
– Habe ich die Gebote von Jugend an befolgt? 
– Und was würde Jesus zu mir sagen: „EINES fehlt DIR noch…“

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