Damit sie eins sind wie wir – Predigt am siebten Sonntag in der Osterzeit

Manche Texte der Heiligen Schrift machen es uns nicht gerade leicht. Dazu zählt sicher auch der, den wir gerade gehört haben.
Doch wer sind wir, dass wir meinen könnten, das Wort Gottes immer sofort verstehen zu können?

Wenn man mit einem schwierigen Text konfrontiert ist, dann könnte man ihn einfach beiseite legen. Nach der Devise: „Verstehe ich sowieso nicht!“ Ich möchte das heute nicht tun, sondern Sie einladen, sich gemeinsam mit mir, mit einem Satz aus diesem Text genauer auseinander zu setzen.
Dieser Satz lautet: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Joh 17,11b)

Der Text, den wir als Evangelium dieses Sonntags gehört haben und so auch dieser Satz entstammt dem sogenannten Hohepriesterlichen Gebet Jesu. Im 17. Kapitel des Johannesevangeliums spricht Jesus am Ende des letzten Abendmahles, vor seinem Leiden, dieses Gebet an den Vater. Darin bittet Jesus für seine Jünger aber auch für alle, die durch ihr Wort an IHN glauben. (vgl. Joh 17,20) Er bittet für ihre Zukunft. Er bittet nicht darum, dass der Vater sie aus der Welt nehme. Er bittet den Vater aber, dass er sie vor dem Bösen bewahrt. Und er bittet den Vater, dass er sie in SEINEM NAMEN bewahrt.

Zwei Ziele hat sein Gebet: Die Einheit unter den Jüngern: – „damit sie eins sind wie wir“ (Joh 17,11b) und SEINE Freude: – „damit sie meine Freude in Fülle in sich haben“ (Joh 17,13).

Deshalb betet Jesus: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b)

„Mit dem „Namen“ des Vaters ist das Geheimnis dessen gemeint, den sonst niemand gesehen oder erkannt hat: 
Nur der Sohn hat Kunde gebracht (vgl. Joh 1,18); er hat den Jüngern das Wort des Vaters gegeben (V.14a), und in diesem Wort tut sich die Wahrheit kund (V.17b).“ (perikopen.de)

Der „Name“ ist mehr als wir heute unter einem „Namen“ verstehen.
Der Name offenbart das Wesen. Der Name ist das Programm. Der Name macht den, um den es geht, greifbar, benennbar und wenigstens ansatzweise verstehbar.

Und wie lautet der Name Gottes?
Im Alten Testament ist sein Name JHWH „Ich bin der ICH BIN DA“.
Und der Name, den Jesus für den Vater gebraucht ist „ABBA“, wir würden sagen „Papa“.
Der Name Gottes, in dem wir bewahrt bleiben sollen, ist also biblisch gesehen und zugegebenermaßen sehr verkürzt gesagt: „Papa, der immer für uns da ist“

Doch mehr noch als eine Benennung ist der Name Gottes vom Alten Testament her: 
DER, der den Menschen aus Liebe geschaffen hat, der mit den Menschen und mit seinem Volk einen ewigen Bund geschlossen hat, der sein Volk aus der Sklaverei befreit hat, der sein Volk und alle Menschen immer wieder zur Umkehr ruft, der sein Volk nie im Stich lässt, der um sein Volk wirbt wie ein junger Mann um seine Braut.

Und neutestamentlich gesprochen ist der Name Gottes:
DER, der alles was er ist und hat für den Menschen einsetzt, der zur Rettung der Menschen sogar seinen Sohn zu geben bereit ist, (vgl. Joh 3,16) der niemals aufhört zu lieben, weil er selber die Liebe IST. (vgl. 1 Joh 4,8)

„Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast“ (Joh 17,11b) meint dann doch wohl die Bitte, dass die Jünger Jesu – dass auch wir, uns in IHM bewegen, dass wir in IHM leben, dass wir in IHM sind, wie es Paulus den Athenern predigen wird. (vgl. Apg 17,28)
Und die Bitte Jesu an den Vater „bewahre sie in deinem Namen“ (Joh 17,11b) ist dann wohl auch eine Frage an Sie und mich: Warum bist Du hier?
Bist Du hier im Namen Gottes?
Bist Du hier im Namen des Gottes, wie ihn uns die Bibel in ihrer Fülle vorstellt?
Bist Du hier, weil Du mit diesem Gott leben willst?
Oder warum bist Du hier?

„Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b) – Eins sind wie wir.

Der Vater und der Sohn sind ganz EINS.
Die Einheit unter ihnen ist so stark, dass sie nicht nur ein Zustand ist.
Die Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn ist so stark, dass sie eine Person wird.
Die Einheit zwischen dem Sohn und dem Vater ist der Heilige Geist. Er geht aus dem Vater und dem Sohn hervor.

So wie es in dem wunderbaren gotischen Fresko in Urschalling am Chiemsee dargestellt ist.
Vielleicht kennen sie dieses Bild: Da stehen der Vater und der Sohn ganz eng aneinander und zwischen beiden wächst der Heilige Geist heraus. Übrigens hat er in dieser Darstellung eindeutige Züge einer Frau.

„Damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b)
Die Einheit unter den Jüngern Jesu, also auch die Einheit unter uns, die wir durch die Taufe seine Jünger sind,
ist das Ziel. Von anderen Stellen des Johannesevangeliums wissen wir, dass die Einheit DAS Herzensanliegen Jesu ist.
So ist sein Gebet „Damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b) auch wieder eine Gewissenserforschung für Sie und mich:
Wo lege ich der Einheit unter den Christen, der Einheit unter uns, der Einheit in unserer Gemeinschaft und in unserer Familie Steine in den Weg?
Was tue ich, damit die Einheit unter den Getauften wächst?
Was unternehme ich, damit die Einheit unter den Christen, mit denen ich lebe lebendig ist?
Ja, ist mir die Einheit überhaupt wichtig?
Oder sehe ich nur mich selbst mit meinen Wünschen und Vorstellungen?

„Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b)

Bei aller unserer Anstrengung, die wir aufbringen sollen und müssen, bleibt festzuhalten, dass Gott es uns schenkt. Doch wenn Jesus selber den Vater um dieses Geschenk für uns gebeten hat, wie sollte es uns Gott verweigern? Wie sollte er uns in Jesus nicht alles schenken? (vgl. Röm 8,32)
Aber er braucht unsere Bereitschaft dieses Geschenk zu empfangen.

Vielleicht hilft uns ein Bild, die Schönheit dieses Geschenkes zu begreifen um das Jesus für uns gebetet hat: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“ (Joh 17,11b)
Ich fand diesen Gedanken in einem geistlichen Lesebuch:

„Betrachte die Sonne und ihre Strahlen: die Sonne als Symbol für Gott, die Strahlen als Bild für Gottes Willen für einen jeden. Geh zur Sonne im Licht deines Strahls, der einzigartig, von allen anderen verschieden ist, und verwirkliche den wunderbaren, einmaligen Plan, den Gott mit dir hat … Je näher die Strahlen der Sonne sind, desto näher sind sie einander. Je mehr wir uns Gott nähern, desto näher kommen wir einander. Bis wir alle eins sein werden.“ (Chiara Lubich, Die große Sehnsucht unserer Zeit, Verlag Neue Stadt, S. 66)

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